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19.02.2008 Athen

von Volker Häring

Griechenland, ein Wintermärchen! Immer noch ist die Luft glasklar und will so gar nicht zu dem Smog-Klischee Athens passen. Eiskalt weht es zum Fenster herein, während sich die Klimaanlage nach einer undurchsichtigen Automatik im Viertelstundenrhythmus brühheißer Luft entledigt. In der Nähe das Geräusch von Schneeschippen. Tauwasser tropft von den Dächern. Für heute sind 12 Grad angesagt.

Das Frühstück entspricht dem mediterranen Klischee, nur das auch noch der Kaffee schlecht ist. Immerhin, der griechische Joghurt hält, was er verspricht und gibt zusammen mit Dosenpfirsichen und einer Art Osterbrot eine erträgliches Morgenstärkung ab. Das nächste Frühstück, das unseren mitteleuropäischen Gewohnheiten entgegenkommt, werden wir wohl erst wieder nach unserer Rückkehr haben, in China warten schon Reisbrei und Nudelsuppe auf uns.

Unsere Rezeptionsdame hatte aus dem Augenwinkel beobachtet, dass Robert sein Fahrrad über Nacht auf sein Zimmer genommen hatte. Da sie ausgezeichnet Deutsch spricht, wird ihr Ärger auch nicht durch eine Übersetzung gefiltert. Yorgos bietet ihr an, dass Zimmer zu untersuchen und uns mitzuteilen, ob ein Schaden entstanden ist. Das beruhigt sie, sie besteht aber darauf, dass die Gruppe eindringlich instruiert wird, kein Rad mehr auf’s Hotelzimmer zu nehmen. Was Tom gerne macht. Hätte das Hotel einen kleinen Hof oder etwas Vergleichbares, würde sich das Problem gar nicht erst stellen. Wir beschließen, die Räder für die Nacht bei Gnosis in der Garage unterzustellen und organisieren für den Abend einen Anhänger, um die Räder dahin zu bringen. .

Auf der Straße dann die nächste Aufregung: Der griechische Fahrer des Autos, dass wir am Vorabend zwei Meter nach vorne getragen hatten, damit unser Bus vor dem Hotel parken konnte, hat unsere Kraftanstrengung bemerkt und versucht nun, Kapital daraus zu schlagen. Yorgos gibt sich erst gar keine Mühe, zu übersetzen, die Gestik und Mimik verrät alles: Handbremse ausgeleiert, Lack zerkratzt, und überhaupt eine Unverschämtheit! Nach fünf Minute hat er sich beruhigt, steigt in sein Auto und fährt grummelnd davon.

Eigentlich wollen wir schon seit 9 Uhr unterwegs sein, doch das Schrauben und Feinjustieren an 18 Rädern zieht sich in die Länge. Schon jetzt sieht kein Rad wie das andere aus, fast jeder hat mindestens ein persönliches Gimmick, eine spezielle Klingel, verschiedene GPS-Geräte, Tachos und Dieter und Robert sogar einen Rückspiegel. Uli hat sich vorne und hinten jeweils eine Halterung für die Fotokamera anschweißen lassen. Statt einer Lenkertasche schwört er auf einen großen Metallkorb. Probleme gibt es mit der Ersatzteilausstattung. Continental war zwar so nett, 70 Ersatzschläuche zu sponsern, hat aber leider Exemplare mit Blitzventilen geschickt, die nicht durch die Felgenbohrung der Räder passen. Zudem fehlt bei einer der Sattelstützen eine Schraube. Ein kurzer Anruf bei Anke von Koga, die ich unglücklicherweise am ersten Tag ihres Urlaubs erwische, und schon ist eine Ersatzsattelstütze mit FedEx unterwegs und Continental verspricht, neue Schläuche nach Thessaloniki zu schicken. Bis dahin sollten wir es mit den vier Ersatzschläuche schaffen, die wir individuell mitgenommen haben.

Dann endlich auf den Fahrrädern, auch wenn unsere Tour durch das klassische Athen mehr ein Ausweichen zwischen Autos und meterhohen Schneehaufen ist – wenn wir mal fahren. Yorgos, im Nebenberuf Studienreiseleiter bei Studiosus, führt uns mit äußerster Akribie in die griechische Kultur ein – Diogenes Ausspruch „Geh mir aus der Sonne!“ saugt die Gruppe begierig auf und er wird zu einem Running Gag, jetzt, da die Sonne zwar tief steht, aber kräftig am Schnee nagt, dem die Athener mit Gartenspaten, Spachteln und oft auch mit den bloßen Händen Herr werden wollen. Bis 12:00 Uhr ist die Akropolis wegen Vereisung gesperrt und so radeln und laufen wir durch Athens Altstadt, treffen eine Gruppe Chinesinnen, die die Tatsache, dass Tom und ich Chinesisch sprechen, mit großen Augen aufnehmen und uns dann erst ungläubig und dann enthusiastisch anschauen, als sie von unserer Radtour erfahren. Tom, unser Experte für das weibliche Geschlecht im Reich der Mitte tauscht Telefonnummern aus und verspricht, sich in Peking zu melden.

Vor einer griechischen Flagge machen wir Portraitfotos von allen Teilnehmern, um nach Ankunft in Peking vergleichen zu können. Bin gespannt, was 175 Tage um die halbe Welt in die Gesichter schreibt.

Weit nach 12 Uhr stehen wir dann auf der Akropolis, inmitten von frierenden Touristenmassen und genießen neben der klassischen Restarchitektur vor allem den Ausblick auf das komplett smogfreie Athen. Eine Tatsache, die fast noch ungewöhnlicher ist als das gestrige Schneechaos.

Zum Mittagessen gibt es Gyrosspieße aus der Hand, im Zickzackkurs fahren wird weiter durch Einbahnstraßen, über Bürgersteige und rote Ampeln, weil sonst kein Durchkommen auf den Straßen ist, zwischen den Autos und unzähligen Baustellen. Trotz Verkehrschaos harmonieren wir gut in der Gruppe und verlieren nur an jeder zweiten Ampel kurzzeitig die Nachhut. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird es empfindlich kalt und wir radeln zurück ins Hotel. Die Xantippe an der Rezeption scheint frei zu haben. Gott sei Dank!

Zum Abendessen kehren wir noch einmal, diesmal zu Fuß, zur Akropolis zurück, die nun gleißend hell in der klaren Nachtluft schimmert. Unser Restaurant liegt am Fuße der Athener Burg und verwöhnt uns mit griechischer Kost vom Feinsten. Diesmal, mit Ausnahme eines ausgezeichnet mit Tomatensauce gekochten Tintenfischgerichtes, rein vegetarisch, was bei der Gruppe ausgezeichnet ankommt.  Auch beim Wein scheinen unsere Radler keine Kostverächter zu sein! Während der Großteil der Gruppe glücklich nach Hause wankt, begibt sich ein kleiner Männerhaufen noch in einen Fahrradclub, der nur wenige Meter vom Restaurant entfernt liegt. In einem kleinen Souterrain stehen einige schicke Räder zwischen Ersatzteilen, allerlei Gerümpel und einigen griechischen Radenthusiasten, die sich an dem lokalen Bier festhalten. Eine litauische Gruppe sei gestern in Olympia in Richtung Peking abgefahren und würde die gleich Strecke wie wir fahren, erfahren wir. Wissen wir leider bereits, da einige Radler dieser Gruppe im Vorfeld schon Informationen von uns haben wollten und dabei so taten, als würden sie an unserer Tour teilnehmen wollen. Also eher unerfreulich. Und zwei Chinesen seien vor einigen Tagen auf gleicher Strecke losgeradelt. Das ist uns neu und es wäre schon, die beiden unterwegs zu treffen. Auf ein Bier lassen wir uns noch breitschlagen, dann wanken auch wir zum Hotel zurück. Morgen ist die erste längere Tour geplant, die auf die Insel Ägina führen wird.

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