Archiv für die Kategorie 'Hauptreise'

„Abflug und Schluss“

Heute ist der letzte Tag, an dem ich zeitig aufstehen muss, was nach der kurzen Nacht natürlich sehr schwer fällt. Noch im Halbschlaf springe ich in meine Sachen und fahre dann schnell mit dem Rad zum anderen Hotel, wo meine Teilnehmer schon auf den Transferbus zum Airport warten, der dann auch gleich kommt.
Alles klappt ohne Probleme, der Bus ist pünktlich und das Gepäck passt ohne Probleme in den Bus. Dann liegen wir uns noch einmal in den Armen und der Bus schlängelt sich aus dem Hutong heraus und verschwindet um die nächste Ecke und damit ist mein Reiseleiterteil der Reise abgeschlossen.
Komisches Gefühl, ich stehe hier auf der Straße und bin nur noch für mich alleine verantwortlich und weiß nicht genau, ob ich mich freuen oder ein wenig traurig sein soll. Ich beschließe die Antwort auf die Frage zu verschieben und mache mich auf zum üppigen Frühstücksbuffet im Hotel.
Kaffee, Spiegelei, Würstchen, Obst und Kuchen sind dann ein guter Start für den Tag. Zurück im Zimmer schlafe ich noch ein Stündchen und mache mich ans Packen. Die Fahrradkiste zu sortieren macht viel Arbeit, aber danach sieht die Kiste gut aus und die verbliebenen Räder können noch eine gute Weile weiter gepflegt werden. Bei meinem Gepäck sehe ich noch kein Land und frage mich, wie ich all die Sachen wieder nach Hause bekomme.
Mit dem Taxi geht es dann ins neue Hotel, wo ich etwas über 200 Yuan pro Nacht, also 20 € bezahle. Der drei Sterne Kasten der letzten Tage kostet während der Olympiade mehr als das fünfzehnfache und ist nicht einmal zur Hälfte gebucht.
Die meisten Hotels hier hatten auf das Geschäft des Jahrhunderts gehofft und haben die Preise um das fünf bis zehnfache gesteigert und gehen nun alle kräftig baden. Auch ich hatte gedacht, dass es unmöglich sei, noch Zimmer zu bekommen, aber letztlich war es dann überhaupt kein Problem und das obwohl ich noch nie so viele in- und ausländische Touristen in Beijing gesehen habe.
Direkt an einer Touristenmeile mit vielen kleinen Läden und Restaurants wohne ich jetzt im fünften Stock, nach hinten ist es auch angenehm ruhig zum Relaxen. Viel Zeit dafür bleibt mir nicht, denn nun muss ich noch einmal zurück zum alten Hotel und dann mit den Reserveteilen und Mänteln zum Radladen, der am anderen Ende der Stadt liegt. Im Taxi geht es langsam vorwärts und es fängt an zu regnen. Lange habe ich es nicht mehr so schütten sehen, schon nach zehn Minuten steht das Wasser auf den Straßen ziemlich hoch und Taxis sind nun nicht mehr zu bekommen.
Im Laden wird alles verstaut und pitschnass steige ich wieder ins Taxi und lasse mich zurück bringen. Um 19 Uhr bin ich mit einem alten Freund verabredet und wir essen in einem netten Beijing Restaurant und wärmen alte Zeiten wieder auf, als wir noch gemeinsam an der Beijing-Universität studiert haben.
Abends im Zimmer realisiere ich dann, das es eigentlich der letzte Tag der Tour war. Athen liegt so unglaublich weit weg, wie im Februar an das Ziel Peking noch zu denken war. Damals hatten wir die ersten Vorfrühlingstage im Jahr, jetzt geht es jeden Tag über die dreißig Grad. Damals waren 100 Kilometer auf dem Rad eine unglaubliche Strapaze, zum Schluss zählten wir das zu den „kurzen“ Tagen. Damals haben wir über jeden Hügel gestöhnt und heute sind wir immer noch froh wenig Höhenmeter zu fahren, aber ein 400 Meter Pass schreckt uns nicht mehr. Eigentlich hätte es noch weiter gehen können, aber das Ziel ist erreicht, aber wie es in der Natur des Menschen liegt, habe ich mir schon neue Ziele gesteckt und so wird es wohl in vier Jahren dann von China aus nach London, zum Ort der nächsten Sommerspiele gehen und darauf freue ich mich schon und vor allem darauf, einiges noch besser organisieren zu können und in diesem Sinne verabschiede ich mich hier von diesem Athen-Beijing Blog und bedanke mich bei den vielen vielen Lesern, die uns über die Monate die Treue gehalten haben. Allein im tomtomtofu-blog gab es im letzten Monat 2500 Zugriffe auf die Seite und im forumandersreisen blog könnten es mindestens noch einmal so viele gewesen sein. Danke an alle und bleibt treue Leser oder werdet aktive Mitfahrer bei weiteren Touren. Für Kommentare, Fragen und Anregungen stehe ich weiterhin zur Verfügung und es wird noch einen Nachtrag von den meisten unserer Reiseteilnehmer geben.
Also dann noch einmal vielen Dank fürs Lesen und schreibt mir (tomtomtofu@gmx.de) eine Mail falls euch folgende Projekte interessieren:

2009: Fahrradtour von Beijing nach Hongkong (April/Mai/Juni)
          Seidenstraße in China (Juli/August)
2010: Fahrradtour von Berlin nach Kapstadt zur Fußball WM (Januar bis Juli/August)
2011: Transsibirien mit dem Rad: Berlin-Moskau-Baikalsee-Wladivostok-Korea-Beijing
2012: Von Hongkong nach London über Tibet, Indien und den Iran (Januar bis August)

Tschüss und stramme Waden wünscht euer tomtomtofu:  Thomas Krech

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Eigentlich sollten wir mehr Zeit für die Stadt und die Spiele haben, vor allem nach der Wärme und Begeisterung, die wir gestern gespürt haben, aber morgen geht halt für die meisten der Flieger nach Hause und so gibt es noch viel vorzubereiten. Nach dem imposanten Frühstücksbuffet geht es daher erst einmal in den Radladen, wo die Räder dann auch bleiben und zum Transport verpackt werden.
Danach geht es zum „Kaufhaus des tausendfachen Glücks“, wie ich den Hongqiao Markt am Himmelstempel nenne, denn hier gibt es wirklich ALLES zu kaufen was man braucht oder nicht. Unten ist die Abteilung mit den gefälschten Uhren und Sonnenbrillen, chinesischer Elektronik, i-Pods zum halben Preis und Pseudo Markenunterwäsche und Kitsch.
Im ersten Stock gibt es dann Klamotten in allen Varianten, Outdoor Sachen, Seidenkleider, Jeans aller Marken, Koffer und Taschen. Bei einer Gucci Tasche bleibe ich hängen, die hat genau die richtige Größe für mein Fahrradwerkzeug und so nehme ich die Tasche für 8 € mit und bin dann wohl der einzige Reiseleiter mit einer Gucci-Werkzeugtasche, frage mich aber, ob der Namensgeber mit einer solchen Verwendung glücklich wäre.
Im dritten Stock strahlen die Augen unserer Damen, Perlen und Schmuck gibt es hier in allen Variationen und weiter hinten gibt es antiken und pseudoantiken Kram.
Ich pilgere noch einmal durch die Etagen und besorge mir zwei neue Sonnenbrillen, denn auf dieser Tour habe ich ja sieben Brillen verloren oder demoliert und so bin ich froh, dass ich für die Kopien hier nur 4 € bezahle und nicht 120 €. Weiterhin finde ich einen schönen Windstopper und eine Sommerhose für den Thailand-Urlaub, den ich mir redlich verdient habe.
Im zweiten Kaufhaus gibt es Spielsachen und Schreibwaren, aber das hebe ich mir für später auf, da muss ich bei meinen Profis noch einmal nachfragen, was gewünscht wird. Wieder einmal werde ich daran erinnert, dass ich zu Hause sehnsüchtig erwartet werde und ich freue mich darauf, mit meinem Sohn Badminton zu spielen, meiner Tochter die Fingernägel zu lackieren und mit Peter im Sandkasten zu buddeln.
Für den Himmelstempel bleibt dann keine Zeit mehr, sondern nur noch für die Dusche im Hotel, dann geht es schon wieder zum Abendessen. Auf dem Heimweg stoppe ich noch in einigen Lokalen und entscheide mich dann für ein Alt-Beijing-Restaurant, wo ich drei Tische bestelle.
Halb acht rücken wir dann alle pünktlich im Restaurant ein und es wird ein großartiges Essen. Entenleber, Weißkohl in Senfsoße, Shrimps mit chinesischem Schnittlauch, Lammfleisch in Kreuzkümmel sind einige der Highlights und dann wird es Zeit noch ein paar Worte zum Abschuss zu sagen.
Im Februar sind wir alle in Athen gestartet und wir sind vor drei Tagen in der gleichen Besetzung hier in Beijing eingerollt. Knapp 14.000 Kilometer und mehr als 100.000 Höhenmeter liegen hinter uns. Zwischen 2 und 12 Kilo Gewicht haben unsere Teilnehmer verloren und im Schnitt hatte jeder fünf oder sechs Plattfüße, unserem Plattfußkönig ging 11 Mal die Luft aus dem Reifen und auf der anderen Seite steht Marlies mit nur einem einzigen Platten. Größere Defekte an den Rädern gab es nicht, wir haben einmal Kette und Block gewechselt und es gab einige Stürze. Uli war deshalb einen Monat nicht bei uns und Rene eine Woche im Bus. Zum Schluss haben fast alle jeden Tag Helm getragen, sogar ich und das, obwohl es heiß war.
Wir hatten viele harte Tage und grandiose Landschaften, Begegnungen mit freundlichen Menschen aller Länder, die wir durchfahren haben und es gibt kein Erlebnis, das so schrecklich war, als dass man die Reise nicht noch einmal machen würde. Mit Bestürzung lesen wir in den letzten Tagen im Internet über den Krieg Georgien gegen Südossetien und dass Luftangriffe auf Tiblissi bevorstehen, auf die Stadt, die uns so beeindruckt hat.
Länder und Regionen haben wir erlebt, die andere auf der Landkarte nicht einmal zeigen können und wir werden wohl für den Rest des Lebens mit diesen Regionen verbunden bleiben, auch wenn es später nur Katastrophennachrichten bis in die deutschen Medien schaffen werden.
Wir haben uns gestritten und vertragen, wir haben miteinander geschimpft und uns geärgert, aber auf dem Platz des himmlischen Friedens sind wir uns in die Arme gefallen. Für alle war die Reise ein Erlebnis, von dem man noch viele Jahre zehren wird und das noch eine Weile brauchen wird, bis man überhaupt alles nur halbwegs verarbeitet hat.
Jeder von uns hat viel gelernt, über Länder und Traditionen, über Geschichte und Religion, aber auch an sozialen Qualitäten gewonnen, wer hätte von Anfang an gedacht, welche Probleme das tägliche Beisammensein mit sich bringen würde.
Heute trinken wir nun unsere letzten Biere zusammen und die Stimmung schwankt zwischen euphorisch und traurig und so geht es auch mir. Auf der einen Seite habe ich nicht das Gefühl, dass diese Reise jemals hätte zu Ende sein können, auf der anderen Seite fühle ich eine unendliche Müdigkeit und freue mich auf meinen Thailandurlaub, in dem ich absolut nichts machen werde, oder doch vielleicht schon wieder die nächste Reise plane.
Gegen 23 Uhr kehrt uns dann die Besatzung des Restaurants hinaus und wir verabschieden uns noch einmal mit vielen Umarmungen vor dem Hotel, denn ab morgen gehen wir wieder getrennte Wege. Ein Teil der Gruppe fliegt nach Hause, ein paar Leute bleiben noch in Beijing und andere fahren mit der Transsibirischen Eisenbahn zurück.

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„Brot und Spiele“

Heute ist für die Chinesen der Tag der Tage. Die Ziffer „8“ ist an sich schon Glück verheißend und im heutigen Datum ist sie dann gleich drei Mal zu finden. Und aus genau diesem Grunde wird heute die Olympiade eröffnet und es ist natürlich nicht schwer zu erraten, zu welcher Uhrzeit das olympische Feuer hier entzündet werden wird.
Ich habe mir inzwischen auch schon ein wenig diesen 8er Tick zugelegt und übernachte gern in Zimmern mit einer 8 und weniger gern mit einer 4, denn das klingt ein wenig wie „sterben“ auf chinesisch und aus diesem Grunde fehlt in manchen Hotels sogar die vierte Etage und der achte Stock ist dann dagegen mit teureren Zimmern bestückt.
Vorher ist jedoch noch jede Menge Zeit und wir beschließen einen langen Bummel durch die Einkaufstraßen der Stadt zu machen und da bietet sich immer die Wangfujin Straße an. Hier gab es vor 15 Jahren den ersten McDonalds in Beijing und im ganzen Lande und die Eröffnung der Filiale mit kilometerlanger Schlange war ein Zeichen für die Umbruchstimmung die das Land Anfang der 90er Jahre erfasst hatte. Der erste McDonalds musste heute schon wieder einem modernen Shoppingcenter weichen und hat eine größere Filiale dahinter eröffnet. Inzwischen scheint mir Beijing die heimliche Hauptstadt des amerikanischen Boulettenimperiums, denn in Beijing gibt es mehr als 200 Filialen.
Heute ist die Wangfujin eine Fußgängerzone und alles ist auf die Spiele orientiert, überall prangen große Poster und Plakate, Viedeoleinwände und Getränkestände bereiten sich auf den großen Ansturm der nächsten Tage vor.
Dahinter in kleinen Läden sieht es noch aus wie bei Harry Potter, ein ganzer Laden voller Essstäbchen in allen Variationen, Farben und Materialien und auch bei den Preisen gibt es nach oben keine Grenzen. Daneben dann Teeläden, leider nicht mehr kleine Stübchen, sondern eher moderne Kaufhäuser, in denen man keine Möglichkeit hat, das Gebräu vorher einmal zu probieren, wie wir es in Zhangye getan haben. Und so ist nur für den Profi zu erkennen, dass die Auswahl der Teesorten gar nicht so übel ist.
Auf der Straße tobt jetzt ganz besonders das Leben, Touristen aus allen Ländern und noch fünf Mal so viele chinesische Touristen sind unterwegs. Straßenhändler verkaufen Chinafähnchen und Aufkleber mit chinesischen Flaggen, „Vorwärts China“ und „I love China“ T-Shirts werden allerorts von jedem getragen. Alle sind glücklich, dass die Spiele hier stattfinden und dass sie dabei sein dürfen und die Chinesen lassen uns spüren wie stolz sie auf dieses olympische Spektakel sind.
Auf einer Welle der Begeisterung sind wir seit der kasachischen Grenze hier ins Land geritten und der olympische Gedanke war überall zu spüren und die Freude mit der wir allerorts aufgenommen wurden, die Begeisterung als die Leute hörten, dass wir aus Europa den ganzen Weg per Fahrrad gekommen sind, um hier an der Olympiade teilzuhaben.
Unser Einkaufsbummel wird somit zur Vorfeier des heutigen Abends, nur ab und zu verschwinden wir in einem kühlen Laden, um uns ein wenig umzusehen und die längste Zeit verbringe ich natürlich wieder im Buchladen, natürlich nicht ohne einige Käufe gemacht zu haben.
Mit den Rädern geht es dann wieder ins Hotel und dort bleibt gerade einmal Zeit für eine Dusche und dann geht es schon wieder weiter. Die ganze Gruppe zieht los und wir wollen zu einer der großen Leinwände auf der Wangfujin zurück, müssen aber durch das ganze Zentrum laufen. In Erwartung eines großartigen Abends sind Millionen von Menschen auf der Straße und es geht nur langsamen Schrittes vorwärts.
Auf dem Tiananmen Platz werden es noch mehr Menschen, die hier auf das Feuerwerk warten wollen und als wir an der Uhr hier vorbeikommen, die die Zeit rückwärts bis zur Eröffnung zählt, ist nur noch etwas mehr als eine Stunde verblieben. Das erste Mal stand ich vor dieser Uhr, als diese noch mehr als zwei Jahre zu zeigen hatte und nun ist im Handumdrehen alles vorbei.
Heute Morgen im Internet zeigten die deutschern Medien hauptsächlich Interesse an zwei kleinen Ereignissen, Zwei Engländer haben eine Free-Tibet Flagge gehisst und ein Amerikaner hat Zettel für die Menschenrechte verteilt. Nur das hat unsere Medien interessiert. Von der tollen Stimmung und der Begeisterung aller Chinesen für diese Spiele war keine Rede. Auch nicht von der perfekten Vorbereitung und Organisation: das ganze Land und besonders Beijing ist bis zum letzten Winkel geputzt worden. Die sonst mitunter ruppigen Polizisten verhalten sich korrekt und freundlich bis zum Umfallen. Sicherheit ist überall zu spüren, nicht aufdringlich, sondern höflich und zurückhaltend und eher bereit mitzufeiern, als bereit einzugreifen.
Kurz vor acht erreichen wir die Videoleinwände und natürlich kann man kaum noch treten, überall dichtgedrängt Menschen, geschminkt und mit Fähnchen und überall kleine chinesische Flaggen als Aufkleber, eine tolle Stimmung brandet durch die Straße, immer wieder wird „Zhong gua jia you! Vorwärts China!“ skandiert und ab und zu tauchen auch Flaggen anderer Länder auf.
Um acht schauen dann alle fasziniert auf das gigantische Spektakel im Stadion. Ein Heer von Trommlern läutet den Beginn der Spiele ein und die Masse wogt mit. Wohl Milliarden Menschen auf der Welt verfolgen dann die gigantische Tanz und Kulturshow, den elektronischen Lichterzauber und die Feuerwerke über der chinesischen Hauptstadt. Da ich eh keinen tollen Platz habe, sehe ich mir eher die andere Seite an und schaue den Leuten in die bewegten Gesichter und so manchem Chinesen stehen die Tränen in den Augen. Mehr als zweihundert Mannschaften sind angetreten und marschieren ins Stadion ein und selbst nach einer langen Stunde wird immer noch jede kleine Mannschaft und selbst wenn sie aus dem hinterletzten Zipfel dieser Welt stammt, immer noch mit großem Jubel begrüßt. Nur wir sind schon zu müde und gegen halb 12 rücken wir dann ab, eine Hälfte ins Hotel, die anderen noch in eine Kneipe.
Mitternacht ist es dann so weit und das große Feuerwerk startet auf dem Platz des himmlischen Friedens. Zehn Minuten lang wird aus allen Rohren gefeuert und die Nacht verwandelt sich in ein feuriges Blütenmeer vor der Kulisse der historischen Bauten und obwohl ich eigentlich eine Abneigung gegen Massenveranstaltungen habe, freue ich mich doch heute diesen umwerfenden Tag hier erlebt zu haben.

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„Auf den Spuren der gelben Kaiser“

So vielfältig wie die Charaktere in unserer Gruppe sind, so vielfältig sind auch die Interessen. Einige von uns waren schon in Beijing, einige noch nicht und so versuchen wir mehrere Varianten anzubieten. Einige wollen in die Verbotene Stadt, andere zum Sommerpalast und die Letzten in den Lamatempel.
Ich breche mit meiner Gruppe nach dem Frühstück in die Verbotene Stadt auf, die bis vor hundert Jahren nur dem Gelben Kaiser und seinem Gefolge zugänglich war. Eingebettet in die ideale Anlage einer chinesischen Stadt, das heißt rechteckige Stadtmauer, nach Norden ausgerichtet, liegt die Verbotene Stadt auf der Hauptachse. Durch 11 Tore musste man kommen, um bis zur Audienzhalle des Kaisers vorzudringen und das war damals genauso schwer, wie heute eine Audienz beim amerikanischen Präsidenten zu bekommen und ähnlich hoch waren die Sicherheitsstandards. Heute pilgern Tausende von Touristen täglich durch die heiligen Hallen und werfen einen Blick auf die Audienzhallen und die Gemächer des Kaisers und seiner Konkubinen und auch auf das Bett in denen Hochzeit gehalten wurde, das heißt jenes Bett in das jede der 2000 Frauen des Kaisers zu hüpfen hoffte. Der Zutritt dahin war mit schweren Steinen gepflastert, musste man sich doch die Gunst der Eunuchen erwerben, die für die Planung des Sexuallebens des Kaisers zuständig waren. Danach galt es dann natürlich einen Knaben zu gebären, der als möglicher Thronfolger eingesetzt werden konnte und für dieses Ziel wurde natürlich kein Mittel ausgelassen, Mord und Intrige inbegriffen.
Doch so weit sind wir noch gar nicht, auch wenn wir die Verbotene Stadt von der falschen Seite betreten, nämlich von Norden, denn dieser Eingang war einstmals nur für das Personal und die Frauen vorgesehen. Dafür ist es die schönere Seite des Palastes mit alten Bäumen, künstlichen Teichen und Steinformationen. Letzteres darf in keinem chinesischen Garten fehlen, denn das chinesische Wort für Landschaft, Shanshui, bedeutet Berge und Wasser, also bringt jeder chinesische Gartenbauingenieur beide Elemente mit hinein. Am beliebtesten sind Taihu Steine, aus dem Taihu-See bei Suzhou mit ihren charakteristischen Löchern, die ich allerdings persönlich ganz schrecklich finde, aber die Chinesen lieben es, damit berühmte Landschaften zu kopieren.
Nach den Gemächern der Konkubinen mit Ausstellungen von Uhren und Vasen aus der Qing Dynastie dringen wir nach Süden vor, zu den Gemächern des Kaisers und den Empfangshallen.
Prachtvolle Hallen, vor denen jeweils ein riesiger Platz liegt machtem jedem Ankömmling klar, wie klein seine Rolle und Bedeutung im Getriebe des konfuzianischen Staatsgebildes war und das der Kaiser die unumschränkte Herrschaft über das Land hatte. Aber auch die Stühle der Kaiser waren wackelig, wenn sie dem Druck ihrer Berufung nicht gewachsen waren oder sich den einflussreichen Schichten des chinesischen Reiches entziehen wollten, dann wurden Gründe und Anlässe gesucht, dem Kaiser das „Mandat des Himmels“ zu entziehen.
Vielen von uns sind die Massenszenen aus dem Film „Der letzte Kaiser“ noch gegenwärtig und auch heute tummeln sich Tausende von Menschen auf dem Platz, aber natürlich nicht in Reih und Glied, sondern eine bunte Mischung aus Jungen und Alten, Reichen und Armen, Großen und Kleinen, Modischen und Mao-Anzugträgern, denn heute MUSS jeder Chinese einmal hier gewesen sein, ebenso wie auf der großen Mauer, denn das macht einen richtigen Chinesen, einen „Nanzihan“ aus.
In diesem Sinne zählen wir und die anderen wenigen Ausländer, die sich in der bunten chinesischen Menge verlieren schon zu den „besseren“ Chinesen, denn wir haben die Mauer schon an vielen Stellen gesehen.
Aus dem Kaiserpalast heraus radeln wir ins Deutsche Haus, das sich am dritten Ring befindet und werden dort empfangen und herumgeführt. Leider ist noch nicht alles fertig und wir bekommen nur einen kleinen Eindruck, welche Partys hier in den nächsten Tagen und Wochen gefeiert werden, aber dafür fehlt uns dann trotz unserer wirklichen olympischen Begeisterung die Prominenz oder das nötige Kleingeld, denn eine Tageskarte kostet 400 € , allerdings kann man dafür kostenlos Essen und Trinken bis zum Umfallen. Hubert bezeichnet die Anlage kurz und bündig als eine gigantische Steuergeldverbrennungsmaschine, ich schließe mich mit der Bemerkung, dass die Sandwichs allerdings recht ordentlich waren, seiner Meinung an. Aber immerhin, wir sind empfangen worden und haben den Sportfunktionären zeigen können, dass es verschiedene olympische Konzepte gibt.
Danach trennen wir uns und die Gruppe hat Zeit zur freien Verfügung und zum Bummeln in den belebten Straßen rund ums Hotel. Ich fahre noch zur ARD und gebe ein nettes Radiointerview zur Tour.
Dann nehme ich noch die Einladung einer Dame aus der deutschen Politik an und wir verbringen den Abend in einem Lokal mit Pacific-Rim Food, also einer Mischung aus allen Essensideen, die es auf diesem Globus gibt und es ist wirklich lecker und in mir erwacht wieder die Idee, irgendwann mein kleines, aber feines Restaurant zu eröffnen, aber das muss noch soooooo lange warten, bis ich nicht mehr Rad fahren kann oder will.

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„Einfahrt ins Olympiaparadies“

65 Kilometer, 87 Höhenmeter

Nur noch 40 Kilometer trennen uns vom Ziel unserer Reise, nur noch 40 Kilometer bis zum Zentrum Beijings und nur noch 40 Kilometer bis zum Platz des himmlischen Friedens. Hinter uns liegen dann 14.000 Kilometer, bei dem einen oder anderen ein paar weniger, ich habe heute 12.890 km auf dem Tacho stehen, was daraus resultiert, dass ich drei Tage krank war und drei oder vier Tage mit Uli und Rosemarie auf dem Krankentransport unterwegs war. Unser eisernster Fahrer war letztlich Robert „Hütchen“, der keinen einzigen Tag auf dem Bus verbracht hat.
Dementsprechend spät können wir heute losfahren. Es dauert eine Weile, bis das Gepäck auf die beiden Fahrzeuge verteilt und verstaut ist, denn unsere Busfahrer mussten wir ja schon gestern verlassen, da unsere beiden Busse keine Zulassung für den Citybereich Beijing haben.
Alle haben gestern noch einmal T-Shirts gewaschen, so dass wir heute einheitlich in Weiß in die Stadt rollen werden, die eine Hälfte in unserem selbst entworfenen Athen-Beijing Shirt und die Teilgruppenteilnehmer in den Farben von China by Bike.
Gleich hinter dem Hotel geht es noch einmal einen Hügel hinauf und wenn nicht das ewige trübe Beijinger Sommerwetter wäre, hätten wir von hier wohl schon die Silhouette der Metropole erahnen können, aber so ist alles nur grau in grau.
Die Stimmung ist jedoch super, alle sind bester Laune und wir fahren heute betont langsam und vorsichtig, ein Massensturz auf den letzten Kilometern wäre eine Katastrophe und wer weiß, wie der Verkehr in Beijing sein wird. Hier am sechsten Ring ist jedoch nichts los, so wenig sogar nur, dass man sich vorkommt wie im hinterletzten Dorf von Mecklenburg Vorpommern. Wir nutzen dies um in lockerer Formation zu fahren und kommen dann auch langsam an den Stadtrand. Wo letztes Jahr noch Bauschutt und Schlamm vorherrschte ist jetzt superglatter sechsspuriger Flüsterasphalt und wir kommen reibungslos vorwärts.
Alles ist auf Olympia getrimmt, überall wehen Olympiafahnen und -banner aller Größen und jeder dritte Chinese trägt ein T-Shirt, das irgendetwas mit der Olympiade zu tun hat. Alles ist sauber geputzt worden, zumindest sieht man am Straßenrand keine der berühmten chinesischen Dreckecken und auch die größten Luft verschmutzenden Fabriken in der Umgebung laufen nur im gedrosselten Betrieb. Der Verkehr wurde stark reduziert, heute dürfen nur Fahrzeuge mit gerader Nummer fahren und morgen nur die ungeraden. Hohe Umweltauflagen gelten für alle Fahrzeuge, so dass man keine Traktoren und Trucks auch nur in der Umgebung der Stadt sieht. Und die Bemühungen machen sich bezahlt. Zwar hängt eine Dunstglocke über der Stadt, aber kein Smog, die Luft ist sauber und man kann gut atmen und das ist bei weitem nicht immer so hier.
In der Stadt ist dann etwas mehr Verkehr, aber doch deutlich weniger, als ich von Beijing gewohnt bin und die Autofahrer sind betont freundlich und nett und keiner versucht sich durch die Gruppe zu drängeln. Sollten die breiten Aufklärungsfeldzüge der chinesischen Regierung doch gefruchtet haben:“ Seid freundlich und nett zu den Gästen, unterhaltet euch, aber vermeidet die 8 Themen“, mal sehen ob ich sie noch zusammen bekomme: Politik, Alter, Familiensituation und Partnerschaft (also Sex), Innenpolitik, Außenpolitik…mehr fällt mir nicht mehr ein, bleibt also nur noch das Wetter und die Börse als Thema übrig.
Langsam erreichen wir die Innenstadt und es mischen sich ein paar chinesische Radler unter uns. Auch Uli, der ja in Xinjiang seinen schweren Unfall hatte, reiht sich heute wieder ein, um mit uns die letzten Kilometer zu rollen. Und schon sind wir auf der Changanjie, der großen West-Ost Hauptachse durch die Stadt, und wir rollen am Tor zum Zhongnanhai vorbei, der Park in dem die höchsten Personen der chinesischen Regierung residieren und dann kommt das Tor des himmlischen Friedens in Sicht, rechts neben uns das Abgeordnetenhaus im stalinistischen Baustil. Hier hat die Straße nun mehr als 8 Spuren in beide Richtungen und wir können uns weit auffächern und dann geht es rechts ab und wir drehen eine Runde um den Platz des himmlischen Friedens, nach Süden runter bis zum Qianmen und dann auf der anderen Seite wieder nach Norden bis vor das Historische Museum.
Hier stehen schon hunderte Chinesen vor der großen Uhr, die rückwärts auf den Beginn der olympischen Spiele übermorgen Abend 8 Uhr zählt. Hier will jeder noch ein historisches Foto machen und wir natürlich auch. Mehrere Fernsehteams erwarten uns und die Chinesen und Ausländer auf dem Platz laufen sofort zusammen und so wird es eine sehr herzliche Begrüßung und wir werden mit Applaus überschüttet, als bekannt wird woher wir geradelt sind.
Überglücklich steigen wir von den Rädern und fallen uns in die Arme und dem einen oder anderen stehen die Tränen in den Augen und ich kann es kaum Glauben, dass wir wirklich unser Ziel erreicht haben. Was machen wir dann morgen, wenn wir nicht mehr aufs Rad steigen müssen. Doch die Sektkorken reißen mich aus den Gedanken und lassen nur noch eines zu, nämlich Party. Roter klebriger Sekt spritzt in die Luft und über uns Radler und der ARD-Kameramann reißt seine Kamera in letzter Sekunde aus dem Strahl der klebrigen Flüssigkeit.
Dann beginnen die Fotoorgien, in die sich immer mehr Chinesen mischen und am Rande laufen rasende Reporter entlang und versuchen ein paar Interviews zu machen.
Nach einer knappen Stunde wechseln wir noch einmal den Platz und fahren direkt vor das Tor des himmlischen Friedens. Auch hier dürfen wir ungestört von den Rädern steigen und fotografieren, obwohl hier fast die höchste Sicherheitsstufe gilt, aber ein Polizist, der freundlich auf mich zukommt, will nur wissen, woher wir geradelt sind wie lange wir hier bleiben wollen und gratuliert dann zum erfolgreichen Abschluss der Fahrt.
Inzwischen ist es früher Nachmittag und wir haben noch einen Termin in der Deutschen Botschaft und bis dorthin radeln wir freudentrunken, aber ein paar kleine Schlenker kommen wohl auch von dem billigen Sekt.
Die Botschaft sieht aus, als ob in der oberen Etage Wasser ausgelaufen ist, welches dann eingefroren ist, dies erweist sich aber als eine Installation, welche ein locker dahin geworfenes T-Shirt darstellen soll.
Vor der Botschaft steht schon ein großer roter „Avanti“ Bus, der mit 27 Leuten von Freiburg hierher gereist ist und der Fahrer ist natürlich ein alter Bekannter von uns. Relativ schnell werden wir alle in die Botschaft eingelassen und der Botschafter hält eine kurze Ansprache und heißt uns in der Stadt der olympischen Spiele herzlich willkommen. Er teilt unsere Meinung und Enttäuschung über deutsche Medien und Politik, die immer wieder auf  Reizthemen wie Menschenrechte und Tibet fixiert sind und dabei die Fortschritte, die der chinesische Staat in alle Richtung macht, aus den Augen verlieren.
Im Garten der Botschaft gibt es dann Kekse und (lauwarme) Getränke (erwartet hatten wir ein kaltes Hefeweizen) und wir haben ein paar nette Gespräche mit Mitarbeitern der Botschaft und weitere Interviews und irgendwann wird es Zeit, endlich ins Hotel zu fahren und den Schweiß und die Sektreste vom Körper zu spülen.
Letzter Programmpunkt am Abend ist dann die berühmte Pekingente, zu der uns China by Bike auf den erfolgreichen Abschluss der Tour einlädt. Pekingente ist nicht einfach nur Ente, erkläre ich unseren Teilnehmern sondern eine spezielle Mastente, 24 Stunden in Honig und Sojasoße und Gewürzen mariniert und getrocknet und dann über Kirschbaumholz gebraten. In kleine Pfannenkuchen werden nur die Haut und eine dünne Fleischschicht, dazu Gurken und Zwiebeln und eine dunkle Bohnensoße eingewickelt und gegessen. Alle anderen Teile werden zu zahlreichen Gerichten verarbeitet, die vorher und nachher gereicht werden. Ein großes Lob an Volker bei der Auswahl des Restaurants, denn es ist die leckerste Pekingente, die ich je hatte. Gegen 22 Uhr sind wir alle todmüde und dann geht es in Taxis zurück ins Hotel und ab ins Bett. Ich für meinen Teil bin so müde, dass ich keinen Moment mehr Zeit habe, um mir die zahllosen Ereignisse des Tages noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

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„Letztes kleines Pässchen vor Beijing“

78 Kilometer, 407 Höhenmeter

Der Morgen ist ein etwas trauriger, denn es heißt Abschied zu nehmen, denn der Bus darf heute nicht mehr mit uns zusammen fahren. Beim Posten bekommen wir eine Sondererlaubnis, dass der Bus auf der Hauptstraße bis zum heutigen Etappenziel fahren darf, dort aber ausladen und wieder zurück muss. Das heißt wir werden nicht mit unseren Fahrern gemeinsam in Beijing einradeln können und so heißt es heute Abschied nehmen von den beiden Fahrern und den beiden Beisitzern unserer beiden Busse, die uns in den letzten Wochen und Monaten viel geholfen haben.
Danach geht es in den heißen Tag hinein, zuerst weiter ins Tal hinein ohne Steigungen und immer wieder mit schönen Abfahrten. Es ist unglaublich heiß und schwül und wir plündern fast in jedem Dorf die Eis- und Getränkekisten.
Noch zwei Mal kommen wir heute an Kontrollposten vorbei, die aber keinerlei Probleme machen. Nur einmal werden die Pässe stichprobenartig mit unserer Liste abgeglichen und dann werden wir fröhlich weiter gewunken, Beijing erwarte uns schon!
Ein Teil der Gruppe möchte gerne eine Mittagspause machen und die anderen wollen vor dem letzten Pass nichts mehr essen. Ich nehme mir den zweiten Teil der Truppe und wir fahren dann die letzten schweißtreibenden 400 Höhenmeter hinauf, dann erwartet uns ein kleiner Tunnel und dann geht es wieder hinab in Richtung Beijing. Hier unten werden die Ortschaften jetzt schon dichter, aber auf den Bergen ringsumher wächst schöner Wald. Beijing überrascht vor allem im Norden und im Westen damit, dass nicht einmal 50 Kilometer vom Zentrum entfernt fast unberührte Natur mit wilden Bergen und Schluchten liegt, in die sich nur ab und zu ein paar Touristen verirren. Viel interessanter sind die Restaurants, die sich hier am Rande der Stadt etablieren und für ein gutes Mahl steigt der Beijinger schon einmal ins Auto und fährt zwei Stunden raus.
Die Ferienanlage heute ist genau mit einem solchen Restaurant verbunden, in dem wir uns dann ein spätes Mittag munden lassen. Untergebracht sind wir in verschiedensten Bungalows und Höhlen, alles gut temperiert und mit Bad versehen. Der Abend im Restaurant ist lang und fröhlich, denn morgen ist nun der Tag der Tage, auf den wir uns seit dem 17. Februar freuen und auf den wir hingefiebert und gekämpft haben. Morgen geht es in die Hauptstadt Chinas und wir hoffen auf eine grandiose Auffahrt auf den Platz des himmlischen Friedens.
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133 Kilometer, 1297 Höhenmeter

Nicht all zu spät starten wir, denn heute liegen noch einmal viele Kilometer vor uns und die Graphik zeigt ein wildes Höhenmeterdiagramm mit nicht weniger als fünf kräftigen Anstiegen. Gleich am Morgen ist es schon wieder warm und sonnig, so dass es ein schweißtreibender Tag zu werden scheint. Doch bevor die Kletterei beginnt, geht es noch durch die Ebene leicht bergab. Die Straße ist breit und gut asphaltiert und wir versuchen dann noch eine Abkürzung, die uns allerdings zwei Kilometer mehr und zwei Plattfüße einbringt, dann sind wir wieder auf der Hauptstraße zurück.
Der erste Anstieg ist sehr soft und flach, aber wir schrauben uns doch schon einmal 300 Höhenmeter hoch und auf der anderen Seite geht es eine gut asphaltierte Abfahrt ins Tal wieder hinunter und der zweite Pass erweist sich als genauso zahm. Inzwischen geht es auf Mittag zu und die Gegend sieht nicht nach einladender Gastlichkeit aus, es gibt neben der Hauptstraße nur kleinste Dörfer in denen es nicht einmal einen winzigen Laden gibt, geschweige denn ein Restaurant. Erst unten im Tal an der Kreuzung gibt es ein einziges Restaurant, das laut Aussage der Chefin auch Nudeln hat. Nachdem ich die Bestellung für die ganze Gruppe aufgegeben habe, läuft der Koch in einen Nebenraum und holt 25 Pakete Fangbianmian, Instantnudeln und verschwindet damit in der Küche. So hatten wir uns das Mittagessen nicht vorgestellt, aber eine Alternative dazu gibt es nicht. In der Küche gibt es zwar noch gekochten Reis, aber der reicht nicht für 30 Portionen und noch einmal welchen zu kochen, würde jetzt zu lange dauern.
Nach dem Essen geht es dann den dritten Pass hinauf, der auch noch nicht sehr steil ist, erst Nummer vier hat es in sich. Fast 500 Meter geht es nach oben und vor allem am Ende ist es so steil, dass auch ich in der kleinsten Übersetzung nach oben strampeln muss. Wer hätte es gedacht, dass hier die Pässe steiler sind als im Tienshan Gebirge. Aber nach jeder Menge Schweiß geht es dann oben in die letzte Kehre und auf der anderen Seite genauso steil wieder hinunter.
Unten warten dann schon die ersten Abfahrer, denn es geht hier erst einmal nicht weiter. Eine erste Polizeistation und Straßensperre sind eine weitere Hürde, die wir auf dem Weg nach Beijing zu nehmen haben.
Die Polizisten sind sehr nett und freundlich, schwer bewaffnet und lassen sich trotzdem auch fotografieren. Alle Pässe werden eingesammelt und fotokopiert und einige Blicke ins Gepäck geworfen. Dass ich immer noch mein großes Messer am Gürtel habe, interessiert niemanden und nach einer halben Stunde haben wir die Kontrolle hinter uns gelassen und strampeln in engen Kurven dem Pass entgegen.
Bis hierher ist auch unser Bus, der keine Genehmigung für Beijing während der Olympischen Spiele hat, gut mitgekommen, aber für morgen erwarten wir, dass er irgendwann nicht mehr weiter darf, aber das versuchen wir noch so weit wie möglich hinauszuzögern.
Dann endlich ist der letzte Pass erreicht und oben prangt in großen Schriftzeichen: „Beijing heißt Sie herzlich willkommen!“ und wir haben die Verwaltungsgrenze von Peking erreicht. Zusätzlich zum geschafften Pass ein weiterer Grund zum Jubeln und Fotos machen, bevor wir wieder 600 Meter in engen Schlaufen und in einer wilden Fahrt ins Tal sausen. Unten liegt dann auch der kleine Ort, in dem sich die Ferienanlage befindet, wo wir heute übernachten.
Doch davor liegt noch einmal ein Checkpoint, den wir allerdings ohne aufwändige Kontrolle passieren können.
Wir teilen uns auf die kleine Bungalows auf und es ist wieder einmal wie beim Lotto, einige haben warmes Wasser und die anderen nicht. Dafür ist der Koch begabt und zaubert eines der besten Essen auf der Tour, absolute Spitze ist der Hase in einer Biersauce.

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104 Kilometer, 618 Höhenmeter

Nach dem Ruhetag gestern mit seinen kleinen Katastrophen beginnt nun heute der letzte Abschnitt unserer Reise, unser „Sturm“ auf Beijing. Noch drei Tage auf dem Rad und wir werden hoffentlich das Pflaster des Tiananmen Platzes unterm Reifen haben.
Nur gut 100 Kilometer erwarten uns, also kein sehr anstrengender Tag. Wer hätte in Griechenland gedacht, dass wir solche Etappen schließlich als kleine Etappen bezeichnen.
Doch ganz ohne kleinere Hindernisse geht es nicht, denn heute wird die Plattfussstatistik noch einmal beansprucht. Sechs Mal sammelt irgendjemand einen Glassplitter oder irgendetwas anderes ein und Dieter versucht mit zwei Platten und insgesamt neun, doch noch an Richards zehn Plattfüße heran zu kommen.
Die Sonne brennt heute unbarmherzig heiß vom Himmel, doch wir radeln auf ruhiger Straße noch einmal am Rande des Lössplateaus entlang. Volker hat die Strecke gut aufgeklärt und so geht es eine Weile über schöne Feldwege durch die Landschaft. Von der Hauptstadt ist wenig zu spüren, beschauliche kleine Dörfer und wuselige Kleinstädte durchfahren wir und wir haben nette Begleitung. Gestern haben wir eine alte Bekannte wieder getroffen, Erika aus Schweden, die in Aserbaidschan schon einen Tag mit uns gefahren ist. Sie schließt sich heute wieder an und so gibt es den ganzen Tag viel zu erzählen. Ich kann ihr ein wenig mit ihrem Rad helfen und den Steuersatz festziehen, denn ihr Rad ist (zum Glück ohne Erika im Sattel) einen sechs Meter hohen Abhang herunter gestürzt, zum Glück ohne größere Schäden.
Abends in Yuxian haben wir noch einmal ein luxuriöses Hotel und noch gut Zeit für einen Stadtbummel. Im Bücherladen kann ich eine sehr gute China Straßenkarte erstehen, die mir als Planung für weitere Touren dienen wird.
Im Hotelrestaurant haben wir noch einmal ein etwas luxuriöseres Essen mit frischem Seafood, so dass ich nicht ganz so traurig bin, dass die Gruppe nicht auf dem Straßenmarkt essen wollte.

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„Falschgeld, Ma-Jiang und andere dunkle Machenschaften“

Bericht von Tom Krech

In einem Seitental in der Nähe der Stadt gibt es das hängende Kloster von Hunyuan, das heute auf unserem Besichtigungsplan steht. Mit einem Bus und einigen Rädern geht es aus der Stadt hinaus und hinein in die Schlucht. Der Bach, heute nur ein Rinnsal, hat sich mehr als 100 Meter tief in den Granit gefressen und eine beeindruckende Schlucht geschaffen. Schon auf dem Weg dorthin wird klar, dass wir nicht die einzigen Touristen sind, die das Kloster besichtigen wollen. Große Busse, kleine Busse und viele Autos rollen die Schlucht hinauf und finden sich auf dem großen Parkplatz wieder.
Auf der anderen Bachseite hängt dann das Kloster wie ein Schwalbennest in der Felswand und eine schmale Treppe führt nach oben. Wir entrichten unseren teuren Eintritt in die mit AAAA klassifizierte Sehenswürdigkeit nicht ohne Streit mit dem Kassenwart, denn an der Kasse steht, dass es für Rentner Ermäßigung gibt, allerdings steht es da nur auf chinesisch und deshalb gelte es nur für Chinesen, meinte der Chinese an der Kasse. Gutes Zureden und wildes Fluchen helfen nichts, er bleibt hart und unsere Rentner zahlen voll.
Dann endlich können wir uns in den langen Strom der chinesischen Besucher einreihen und die schmalen Stufen hinauf ins Kloster erklimmen.
Oben wird es dann noch enger und auf den schmalen mit Metall beschlagenen Holztreppchen stauen sich die Leute und natürlich will niemand auf Erinnerungsfotos an exponierter Stelle verzichten. Hier geht es darum da gewesen zu sein und dies auch belegen zu können und nicht um historische Hintergründe und Fakten. Letztlich hat das Kloster auch keine bedeutenden Skulpturen aufzuweisen, lediglich interessant ist eine Halle mit drei daoistischen Figuren, die belegen, dass dieses Kloster also von zwei Religionen genutzt wurde, fehlt also nur noch ein konfuzianischer Gelehrter hier.
Nach einer guten Stunde sind wir durch unsere Runde im Kloster durchgequetscht worden und pilgern zurück zum Parkplatz, nicht ohne noch einmal einen Blick auf die windige Holzkonstruktion in der Felswand zu werfen. Wie Ameisen auf einem Ameisenhaufen krabbeln hunderte von Chinesen und ein paar Langnasen auf der Anlage herum.
Zurück im Hotel ist es Zeit für ein kleines Mittagsschläfchen, dann geht es an die Fahrräder. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass einige kleine Reparaturen gemacht werden können, bevor wir in Beijing einrollen. Danach erleben wir eine kleine Überraschung, denn der Strom ist ausgefallen und es gibt auch kein Wasser mehr.
Mit dem Wasser aus dem Spülkasten bekomme ich dann wenigstens meine Hände ein wenig sauberer und kann dann noch ein wenig am Computer schreiben, aber nur so lange, wie mein Akku noch reicht.
Eckhardt ist ganz aufgeregt, denn das Hotel hat ihm einen falschen 50 Yuan Schein angedreht und den möchte er verständlicherweise wieder loswerden, allerdings ist die Dame vom Getränkestand nicht mehr im Hause und kommt erst am Abend wieder und so können wir das Problem erst am Abend lösen. Eckhardt ärgert sich aber über den Vorfall und schwingt sich aufs Rad und fährt mit dem Schein in die Stadt zur Bank und dort behauptet man, der Schein sei gar nicht gefälscht und händigt ihm ein Bündel mit fünfzig 1 Yuan Noten aus.
Ich kann mir nicht erklären, wie der Schein echt gewesen sein soll, er war etwas kleiner als das Original, das Wasserzeichen war aufgedruckt, ebenso wie der Metallstreifen. Wenn das wirklich so ist, werde ich meine Reisekasse zu Hause auch selbst drucken, aber ich denke, die Bank wollte einen kleinen Skandal vermeiden und hat deshalb den Schein eingezogen und getauscht.
Gegen 5 Uhr gehe ich dann ins Restaurant, wo wir uns zum Spielen verabredet haben. Im Puff im Hotelkeller habe ich ein Ma-Jiang Spiel ausleihen wollen, aber der Leihpreis für eine Stunde sollte höher sein als der Neuanschaffungspreis, also trabe ich noch einmal beim Manager des Hotels vorbei und bekomme dann meine Spielsteine.
Ma-Jiang oder auch Mah-Jiong, wie es im kantonesischen heißt, ist kein sehr traditionelles Spiel, denn es ist erst vor ungefähr 150 Jahren entwickelt worden, dafür erfreut es sich um so größerer Beliebtheit und selbst auf der Straße wird gespielt. Während der Kulturrevolution war das Spiel, bei dem die Chinesen Haus, Hof, Vieh, Weib und Kinder verzockt haben, verboten. Heute wechselt beim Spielen wieder reichlich viel Geld den Besitzer.
In jeder Stadt gibt es kleine Läden mit Tischen, an denen man dieses Spiel mit dominoähnlichen Steinen Spielen kann. Auf den Steinen gibt es verschieden Zahlen und Symbole, die sich in Reihen sortieren lassen und die geordnet und gesammelt werden, ähnlich wie beim Romme. Mit unseren Fahrern erklären wir die Regeln und spielen dann gute zwei Stunden und natürlich ohne Geld.
Gegen halb acht wird dann unser üppiges Abendessen aufgetragen, es gibt immer noch kein Strom und Licht und so wird es beim Essen zunehmend dunkler und dunkler. Kurz bevor wir jedoch gar nichts mehr erkennen, macht es hörbar „Klick“, ein großes „Ahh“ geht durch den Raum und Strom und Wasser sind wieder zurück und so komme ich dann nach einem langen Tag doch noch zu einer heißen Dusche.
Und wieder einmal ein Bild von einem UFO, ganz schön viele “Aliens” hier unterwegs.

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139 Kilometer, 1750 Höhenmeter

Bericht von Tom Krech

Seit langem sieht es morgens wieder einmal recht freundlich aus, mit Sonnenschein und klarem Himmel, der Regen in der letzten Nacht hat den Dunst vertrieben und wir können frische Bergluft atmen. Ein frisches Lüftchen weht, allerdings aus der falschen Richtung.
Am Hotelcounter gibt es noch einmal Ärger wegen der gewaschenen Wäsche, die zum einen nicht richtig sauber geworden ist und zum anderen will das Hotel einen Preis dafür, der bei einigen Sachen zum Neukauf gereicht hätte.
In der Morgenfrische auf 1600 Meter Höhe strampeln wir heute noch einmal einem recht hohen Pass entgegen, 1100 Meter geht es in 18 Kilometern straff bergan. Der Gegenwind kühlt angenehm, so dass man nicht ins Schwitzen kommt, und verwandelt sich in der nächsten Kehre in einen schiebenden Rückenwind und in der nächsten Kurve wieder in Gegenwind.
Unter uns wird das touristische Dorf mit seinen dutzenden von Tempeln und seinen hunderten von Touristen immer kleiner und verschwindet als Spielzeuglandschaft am Horizont.
Nach knappen zwei Stunden sind die ersten Radler oben und dort werden wir vom Wind fast weggeweht und es sind frostige 12 Grad, also heißt es winddichte Sachen anziehen und nicht zu lange pausieren und dann geht es auf der anderen Seite des Wutaishan-Gebirges 35 Kilometer bergab. Kaum zu glauben, auf der anderen Seite des Tals der Tourismus mit modernen Hotels, Restaurants, Supermärkten und Souvenirshops und hier kleine Dörfer, in denen sich in den letzten 50 Jahren nur wenig verändert haben dürfte. Die Bauern leben von ihrer kleinen Viehzucht, dem Mais auf den Feldern und dem gelb blühenden Raps an den Berghängen in kleinen traditionellen Höfen, von denen einige halb verfallen sind.
Unten im Städtchen Wutaishan an der Bahnlinie herrscht reges Leben. In der Markstraße gibt es Stand an Stand und Laden an Laden, alles ist mit kleinen Transportern und Dreiradfahrzeugen zugeparkt und jeder versucht irgendwie durchzukommen.
Vor einem Jiaotzeladen verteidigen wir den einzigen freien Parkplatz, um für alle Räder und den Bus Platz zu haben und dann gibt es Nudeln und Teigtaschen für alle. Vor dem Laden hat sich eine riesige Traube von Menschen gebildet, die versuchen herauszubekommen, was denn die vielen Langnasen hier so treiben.
Nach dem Essen geht es dann an den zweiten Pass des Tages, nicht so lang und nicht so steil, aber wir kommen dann doch noch einmal auf 1700 Höhenmeter hoch. In weiten Serpentinen schraubt sich die Straße die Hügel hinauf und unter uns liegen Terrassenfelder und das kleine Städtchen an der Bahnlinie, weiter oben gibt es Felder mit blau blühendem Sesam.
Die rasende Abfahrt dann geht durch ein atemberaubendes wildes Tal mit hohen Granitwänden, das sich dann urplötzlich öffnet und den Blick auf eine weite Ebene freigibt.
Hier teilen wir die Gruppe auf, denn es gibt eine Abkürzung. Mein Gefühl sagt mir, dass man sie fahren kann, die Polizei sagt, man kommt nicht durch. Mit sechs Mutigen wagen wir die Fahrt auf der kleinen Straße und mit GPS Hilfe fahren wir dann auf winzigen Feldwegen wieder in Richtung der Hauptstraße. Die Bauern auf den Kohl- und Maisfeldern wundern sich über die plötzliche Invasion und wir machen uns den Scherz und erzählen, dass jetzt hier ein internationaler Radweg entlang führt und jeden Tag ganz viele Ausländer vorbeiradeln.
Zurück auf der Hauptstraße geht es dann mit Rückenwind Hunyuan entgegen, dass wir mit der Dämmerung erreichen. In dem netten Hotel gibt es ein unerwartet gutes Restaurant mit tollen lokalen Pilzgerichten und natürlich eine erfrischende warme Dusche. Trotz der vielen Kilometer und Höhenmeter fühle ich mich nicht sehr müde und arbeite noch bis in die Nacht, bis mir dann gegen 1 Uhr die Augen zufallen.

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