16.06.2008
Mittwoch, 4. Juni 2008: von Karakul bis zum Zeltlager bei San Tash
„Day of Thunder“
95 Kilometer, 660 Höhenmeter
Bericht von Tom Krech
Inzwischen gibt es immer zu viel zu essen, für meinen Geschmack, heute zwei Eier und Milchreis und frisches Brot und hausgemachte Marmelade, so viele Kilometer können wir gar nicht fahren.
Das schöne Wetter bleibt uns treu, nachdem es in den letzten beiden Tagen etwas trübe war, zeigt sich die Sonne heute wieder einmal von ihrer besten Seite. Bis nach China fahren nun beide Gruppen gemeinsam, was heute erst einmal etwas ungewohnt ist, denn heute sind wir wirklich eine Mega-Gruppe, die aus dem kleinen Städtchen herausrollt.
Dann reiht sich noch einmal Dorf an Dorf und wir durchqueren die Ebene zwischen den beiden Ausläufern des Tien-Shans und biegen dann wieder rechts in ein großes weites Tal ein.
Dort geht es dann eine beschauliche kleine Straße entlang, die natürlich wieder kaum noch Asphalt hat. Dafür gibt es viel zu sehen. Interessant wird es, als ein Bauer mit Pferd und Wagen versucht, eine Furt zu durchqueren und das Pferd sich in der Mitte weigerte, weder vorwärts noch rückwärts zu laufen. Nach einigen Minuten half dem Bauer dann nur Hose aus und rein ins Wasser um das Pferd herauszuführen.
Auf den Bergen links von uns türmen sich dichte Wolken und an einigen Gipfeln geht schon ein Regenguss nieder, aber im Tal scheint immer noch wunderbar die Sonne.
Bis zur Mittagsrast zieht die dicke Regenwolke immer neben uns her und sogar noch eine Weile danach. Die Straße führt nun langsam etwas steiler nach oben und in den Bergen links neben uns fängt es an zu rumpeln. Hinter dem letzten Dorf kommen wir dann auch in einen kleinen Regenschauer, aber der ist nach 10 Minuten wieder vorbei.
Das Tal hier ist wunderschön, denn seit langem sehen wir wieder einmal richtigen Wald, einmal ist es nur ein wunderschöner Birkenhain und dann sind es ein paar Tannen und ich erkenne auch die Stelle, an der ich vor 15 Jahren schon einmal mein Zelt im Schnee aufgestellt hatte. Damals hatten wir hier Anfang April auf dieser einsamen Straße zwei Radler aus der Schweiz getroffen, heute sind es zwei deutsche Radler, die hundert Meter weg von der Straße bei einer Hirtenfamilie eingeladen waren. Ich geselle mich noch dazu und wir tauschen Erlebnisse und Erfahrungen aus und sehen der Familie beim Scheren der Schafe zu.
Ich hoffe, im nächsten Leben nicht hier als Schaf wiedergeboren zu werden, denn hier wird recht ruppig mit den Tieren umgegangen, mit einer sehr stumpfen Schere wird den Tieren die Wolle von der Haut geschabt, der Scherer hat eine Kippe im Mund und so manchen Wodka im Blut. Nur gut, dass die Tiere wenigstens eine Beruhigungsspritze bekommen, bis auf den einen Kollegen, der zehn Meter weiter auf der Wiese von der Frau des Hauses ausgenommen wird.
Inzwischen baut sich vor uns eine dunkle Wand auf und in der Ferne rumpelt das Gewitter unentwegt. Ich radele immer noch in der Sonne und vor mir wird es dunkler und dunkler. Als ich dann um die nächste Ecke biege und sich das Hochtal öffnet und wieder ebener wird, steht vor mir eine schwarze Wand aus der ab und zu ein Blitz herunterfährt. So sieht also die Straße direkt in die Hölle aus, aber mit zwei Glas Wodka in der Blutbahn stürze ich mich mutig in Richtung des Unwetters. An der nächsten Kreuzung hat Heino noch auf mich gewartet, da die Gruppe hier schon zum Zeltplatz abgebogen ist und wir genießen noch ein wenig das Spiel von Licht und Schatten am Rande des donnernden Abgrundes. Dann, als der Wind noch einmal merklich auffrischt, ist es höchste Zeit, dass wir uns in die Regenmontur werfen, Vollschutz ist angesagt und dann schwappt die erste Welle aus Regen und Hagel über uns hinweg. Bis zum Zeltplatz ist es nur noch ein Kilometer, die anderen haben schon ihre Zelte aufgebaut und sich verkrochen, ich parke nur meine Packtaschen im Küchenzelt und genieße das Naturschauspiel aus Regen, Hagel und Blitzen. Gefährlich ist es nicht, denn das Zentrum des Gewitters ist ein paar Kilometer weiter und genauso, wie die schwarze Wand auf uns zugerollt ist, strahlt am Horizont schon wieder ein Stück blauer Himmel. Bis zum Abendessen, das wir heute erstmals in den Küchenzelten einnehmen, regnet und tröpfelt es noch ein wenig, dann ist der Höllenspuk vorbei und wir erleben einen gigantischen Sonnenuntergang. Bis „spät“ in die Nacht sitzen wir dann noch und schwatzen, da wir nun zwei Gruppen zusammen sind, gibt es natürlich etwas mehr zu erzählen, und dann genieße ich noch ein wenig den klaren Sternenhimmel, bevor ich mich in meinen Schlafsack rolle und den Wärmekragen bis oben hin zu ziehe.
