Monatsarchiv für Mai 2008

„Begegnungen in der Wüste“

137 Kilometer, 322 Höhenmeter, bis 45 Grad

Bericht: Tom Krech

Das magere Frühstück überbrücken wir mit einer Nachfeiergeburtstagstorte für Robert, der ja schon auf der Fähre nach Turkmenbashi seinen Geburtstag gefeiert hatte. Wegen der Hitze versuchen wir eine halbe Stunde zeitiger aufzubrechen. Inzwischen ist es wieder zum Hobby der Polizei geworden uns zu begleiten, manchmal haben wir bis zu drei Fahrzeuge um uns. Das bedeutet zwar, das wir komplett vor Verkehr und Kraftfahrern geschützt sind, auf der anderen Seite bleibt zum Beispiel hier in Mary keinerlei Spielraum für ein Foto, dabei steht links eine Moschee im Rohbau und vor den Verwaltungs- und Kulturgebäuden der Stadt sprühen Springbrunnen gewaltige Fontänen in die trockene Luft.
Eigentlich war geplant noch einmal am Marktplatz von gestern vorbeizufahren, dort wartet auch der Begleitbus, aber die Polizei lenkt die ersten Fahrer auf die Umgehungsstraße. Das bedeutet für uns gute 10 Kilometer mehr, die Strecke ist mehr als öde, die Straße sehr holprig und den Markt sehen wir auch nicht mehr und es scheint wieder einmal so, dass die Polizei mehr und mehr die Reiseführung übernommen hat. Ata, bedeutet mir, dass auch er nicht viel dagegen unternehmen kann, denn die Polizei spielt hier halt eine große und alles kontrollierende Rolle.
Doch dann, zurück auf der ursprünglichen Route kommen wir wieder in die Wüste und die ist hier richtig schön. Sandwüste wie aus dem Bilderbuch, Sanddünen, bewachsen mit knorrigen Sträuchern, deren Holz zum Grillen der Schaschliks verwendet wird. Gegen Mittag kreuzen wir zum letzten Male den Karakum-Kanal, dort am Ufer auf einer Art schwimmenden Wasserpavillon lassen wir uns zu einer langen Mittagpause nieder.
Während der Pause nehmen wir Roberts wackelnden Steuerkopf auseinander und kaum haben wir den Lenker gelöst, purzeln uns die Kugeln aus dem Steuersatz entgegen, das Lager ist total zerrieben und nicht zu reparieren. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ein Lager aus dem Reserverad einzubauen, danach läuft der Lenker wieder ohne Spiel in seiner Führung.
Um mir den Staub vom Körper zu spülen, entschließe ich mich zu einem kühlenden Bad im Kanal, angenehm erfrischend, aber es ist schwierig aus dem dicken Schlamm am Ufer wieder herauszukommen. Während ich versuche, nackt den Klumpen an Beinen und Sandalen wieder loszuwerden, kommt eine ganze Gruppe turkmenischer Frauen zu unserem Lagerplatz, der sich gerade noch in Sichtweite befindet und ich biete mit meinem weißen Hintern am Ufer kämpfend wohl ein Bild, dass sich hier nicht jeden Tag bietet. Zurück im Pavillon kann ich den Gesprächen auf turkmenisch wohl entnehmen, worum es geht und worüber gelacht wird. Aber später entspinnt sich dann noch eine nette Konversation mit den Damen verschiedenen Alters, die aus Turkmenabad kommend einen Einkaufsbummel nach Mary zum Sonntagsbasar unternehmen. Heino soll an eine kräftige Frau mit herrlichen Goldzähnen verkuppelt werden, deren Mann schon vor zehn Jahren gestorben ist. Ich soll mit der jungen Lehrerin neben mir verheiratet werden. Es sei gar nicht so schlecht in Deutschland meinen die anderen Damen; ich antworte, dass es sich halt so aushalten ließe und nur vergleichsweise kalt bei uns sei. Nachdem der Tee getrunken und die Snacks gegessen sind, besteigen die Damen wieder den Bus, ohne noch einmal auf die Hochzeitspläne zurückzukommen, eigentlich schade, denn hübsch war sie wirklich, Armangul, die junge Lehrerin aus Turkmenabat.
Um halb vier, die Sonne steht zwar etwas tiefer, aber es sind immer noch satt über 40 Grad, steigen wir auf die Räder, um die letzten 60 Kilometer zurück zu legen. Wieder geht es durch Sanddünenlandschaften, ab und zu flitzt eine kleine Echse über die Straße und ein kleiner Vogel attackiert eine Art Wiesel, der im Zickzackkurs das Weite sucht. Wahrscheinlich hatte er sich dem Gelege des Vogels wohl in hungriger Absicht genähert.
Langsam sinkt die Sonne an den Horizont und taucht die Wüste in sanftes rotes Licht, es ist jetzt nicht mehr so heiß, gerade einmal 30 Grad und es ist sehr angenehm zu radeln und die in orange gefärbte Wüste zu bewundern. Als die Sonne dann hinter einer Sanddüne verschwindet wird es in Minutenschnell dunkel und nun sind wir doch froh über die Polizei, die mit dem Fernlicht die Piste beleuchtet und wir uns nicht blind durch die riesigen Schlaglöcher unserer Holperstraße tasten müssen. Endlich, kurz nach 8, nach 20 Minuten in der Dunkelheit ist das Lager erreicht. Marlies hat ein lustiges Feuerchen entfacht, im Topf brutzelt schon das Abendessen, Nudeln und Fleisch und ein schöner Salat und über uns ein gigantischer Sternenhimmel. Vom letzten Stopp haben wir noch ein paar Biere mitgebracht, „BaltikaNo.9“, ein absolutes Starkbier mit 8 Prozent Alkohol und als ich in mein Moskitonetz krieche, habe ich den Eindruck, dass gleich doppelt so viele Sterne am dunklen Firmament leuchten.

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Tagesausflug nach Merv: „Kulturoasen“

Bericht: Tom Krech

Aus dem Ausschlafen wird nichts, irgendein einheimischer Hotelgast telefoniert irgendwo auf dem Gang so laut und lange, dass ein weiteres Schlafen unmöglich ist. Auch das Frühstück ist etwas mickrig, aber der Kaffee ist schön stark und macht wach, nach den vielen Bieren vom Vorabend. Gegen 10 Uhr sitzen wir dann im Bus und fahren in Richtung Bayramaly, etwa 30 Kilometer von Mary entfernt. Dort befindet sich der Ruinenkomplex von Merv, insgesamt fünf alte und sehr alte Ruinenstädte sind dort zu sehen. Viel ist nicht übrig geblieben im Vergleich zu den Ruinen, die wir in Griechenland sahen oder in Troja, denn seit Urzeiten wird hier mit Lehmziegeln gebaut. Nur dem extrem trockenen Wetter ist es zu verdanken, dass von den Lehmwällen überhaupt noch etwas steht, doch für Archäologen muss es hier eine unermessliche Fundgrube gewesen sein, Münzen und Scherben aus fast drei Jahrtausenden. Von den Scherben gab es so viele, dass die Wissenschaftler sie nach dem Erfassen und Katalogisieren wieder in den Ruinen ausgeschüttet haben. Die ersten Siedler haben sich hier in der Nähe des Murgab Flusses schon 2000 Jahre vor Christus niedergelassen, doch die ersten Wälle sind aus der Zeit vor Alexander. Als der mit seinen Griechen hier durchzog entstand eine griechische Festung, die dann von den Seulikiden zerstört wurde, die Parthier hielten sich dann hier auf, vertrieben von den Sassanieden und letztlich von den Persern beherrscht. In „modernen“ Zeiten zogen um die erste Jahrtausendwende die Seldschuken ein, die dann von den Mongolen fast vollständig exekutiert wurden. Im 15. Jahrhundert kamen dann die Usbeken und daraufhin, nachdem der Fluss seinen Lauf verändert hatte, wurde die Siedlung aufgegeben und der einstmals blühende Knotenpunkt an der Seidenstraße, verlor komplett seine Bedeutung.
Doch dies lässt sich in den Lehmgemäuern nur erahnen. In den ehemals mehrere Meter dicken Wänden brüten unzählige Vögel und vor den Ruinen, an deren dem Wind abgewandten Seiten noch Wölbungen und die ehemalige Struktur in Ansätzen zu erkennen ist, weiden Rinder, welche die Besucher wiederkäuend beäugen oder komplett ignorieren.
Am interessantesten sind die kleinen turkmenischen Ausflugsgruppen, Studenten oder Liebespärchen, die sich hier bei einem Tagesausflug verlustieren. Händchen haltend und mit einem Schirm gegen die Sonne ausgerüstet lustwandeln sie über die Lehmruinen.
Renoviert wurde das Mausoleum eines seldschukischen Herrschers. Reste der Wandbemalung und des Stuckes lassen Reichtum erahnen. In dem riesigen Kuppelsaal ist es angenehm kühl und der Legende nach ließ es der Herrscher für seine Frau bauen, die ihm „entflogen“ ist. Er hatte sich in die schönste Frau des Landes verliebt, erklärt uns Ats, unser Führer, doch die Frau erbat sich drei Bedingungen vor der Hochzeit, erstens dürfe der Herrscher der Frau niemals beim Gehen hinterher sehen, zweitens sie niemals beim Frisieren der Haare beobachten und drittens sie niemals umarmen. Der Herrscher stimmte zu, aber nach der Hochzeit siegten dann doch die Hormone, er sah allerdings, dass die Frau beim gehen nicht den Boden berührte, zum Frisieren den Kopf vor sich auf den Tisch stellte und bei der ersten Umarmung stellte er fest, dass der Körper weich und ohne Knochen war. Sie sei ein guter Geist, aber weil der Herrscher sein Versprechen gebrochen hat, verwandelte sie sich in eine Taube, die nur zurückkommen würde, wenn der Herrscher ihr im Zentrum der Stadt ein wunderschönes Gebäude mit einem Loch im Dach errichten würde. So entstand diese Moschee und die Tauben können in dem Gebäude durch ein kleines quadratisches Fenster in der Kuppel ein und ausfliegen.
Auf dem Weg zurück halten wir noch am nahen Basar, der wird leider schon abgebaut, aber ein paar Verkäufer und Stände mit Gemüse oder chinesische Kleinwaren, gefälschten Parfüms und ein paar Essbuden sind noch offen. Obwohl es nicht erlaubt ist zu fotografieren, wollen die Leute regelrecht abgelichtet werden. Die Verkäuferin vom Kwasstand ist zwanzig Jahre alt. Auf die neugierige Frage, ob sie verheiratet sei, antwortet sie sichtlich frustriert mit „Ja“ und fügt hinzu, dass sie auch schon ein Kind habe.
Inzwischen erreicht die Hitze ihren Höhepunkt, ich denke es sind mehr als vierzig Grad. Zurück im Hotel schiebe ich meine Daten auf den USB Stick und gehe zum Internetcafe. Das hat nur noch eine Stunde bis sechs Uhr geöffnet und ich schaffe es nicht den Blog zu aktualisieren oder Daten zu versenden, da das Netz wieder sehr langsam ist, gerade einmal die wichtigsten Mails kann ich beantworten und werde auch dabei unterbrochen, da die Chefin einfach den Server abdreht und die letzten 10 Minuten Schreibarbeit damit im Eimer waren. Stinksauer verlasse ich den Laden und werde noch sauerer, da das Telefon selbst hier kein brauchbares Netz finden kann und internationale Gespräche nur vom Postamt zu führen sind, das aber auch bis Montagmorgen geschlossen ist.
Erst bei dem kühlen Bier im Restaurant, den leckeren Pelmeni und dem Schaschlik und noch einem weiteren Bier bekomme ich meine gute Laune zurück. Auf einen weiteren Versuch irgendeine Form von Nachtleben zu finden, verzichten wir, da wir am nächsten Morgen zeitig los wollen.

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„Glühende Wüstensonne“

107 Kilometer, 201 Höhenmeter

Bericht: Tom Kerch

Die Morgensonne verspricht einen herrlichen Tag. Gegen 8 Uhr sind wir nach dem Frühstück dann wieder auf der Straße. Heute ist es wieder richtig schöne Wüste, Bilderbuchwüste. So habe er sich Wüste immer als Kind vorgestellt, meint Hubert. Links und rechts der Straße kleine Sanddünen mit kleinen struppigen Pflänzchen oben drauf. Ab und zu auf der Straße etwas Kriechgetier, eine Eidechse huscht über die Straße. Schlangen bekommen wir nur in der „Plattversion“ zu sehen, vom Lkw überrollt, aber Eckhard bremst auch für Schildkröten und schickt das Tier wieder in die Sanddünen zurück. Seit gestern Abend haben wir noch Besuch, Andreas von Baikal-Express, die diese Teiletappe organisiert haben, ist für einen Tag zu uns gestoßen und radelt einen Tag mit uns. Dafür hat er sich den Tag ausgesucht, der einer der heißesten auf unserer Tour werden könnte. Gegen 10 Uhr haben wir die 30 Grad Marke überschritten und die Sonne brennt unbarmherzig. Beim Radfahren ist es angenehm, da der Fahrtwind ein wenig kühlt, aber sobald man stoppt, um einen Schluck zu trinken, knallt die Sonne von oben. Nach dreißig Kilometern machen wir eine Pause in einer Raststätte. Dort gibt es kühlende Getränke und leckeren Kefir, die Raststätte ist etwas seltsam, relativ viel junge und nicht mehr ganz so junge Damen sind dort beschäftigt und wir vermuten einen abendlichen multifunktionalen Betrieb. Weiter geht es in Richtung Mary. Die Straße ist heute wieder relativ schrecklich und über große Strecken poltern wir regelrecht über die löchrige Piste. Ein paar Kilometer vor der Stadt gibt es dann wieder ein paar Bäume am Straßenrand und wir machen noch eine Stunde Rast und Picknick. Im Konvoi geht es dann nach Mary hinein, viel gibt es nicht zu sehen, sowjetische Gebäude aus den 50er und 60er Jahren, die historische Stadt Merv liegt etwas außerhalb und die Besichtigung steht für morgen auf dem Programm. Das Hotel ist einfach, aber funktional, Bett und Dusche, aber ein Bierlokal gleich um die Ecke mit vom Fass gezapftem turkmenischem Bier. Da es nun fast 40 Grad sind verzichte ich auf einen Spaziergang, sondern wasche mich, schneide mir die Haare und rasier mich. Nach ein paar geschriebenen Zeilen auf dem Computer, ist es dann auch schon wieder Zeit fürs Abendbrot. Vor dem Bierlokal gibt es einen Grillstand, es gibt eine leckere turkmenische Brotsuppe, russische Pelmeni und Wassermelone. Da uns morgen ein Ruhetag erwartet, wollen einige von uns noch in die Bar auf der anderen Straßenseite. Argwöhnisch beäugt von drei muskulösen russischen Bodyguards entern wir den Laden, doch drinnen gähnende Leere, russische Popmusik dröhnt und vielleicht zehn Männer lungern an der Bar herum, also machen wir kehrt und gehen in unser vorheriges Lokal zurück. Bis 23 Uhr können wir unseren Bierdurst stillen, dann werden hier alle Lokale geschlossen und die Bürgersteige hochgeklappt- Sperrstunde und Zeit ins Bett zu gehen.

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„Stiche von allen Seiten”

137 Kilometer, 247 Höhenmeter

Bericht: Tom Kerch

Der Tag beginnt so wie der letzte endete, gegen halb sieben geht die Sonne als glühend roter Ball am Horizont auf. Wir packen unsere sieben Sachen zusammen und frühstücken. Ich muss mich für die Zeltübernachtungen langsam wohl oder übel ans Müsli gewöhnen, auch wenn der lauwarme Brei mit Milch nach nichts schmeckt und im Mund immer mehr wird, ich kann wirklich nicht verstehen, wie man dem etwas abgewinnen kann, aber es ist zumindest sehr gesund.
Viel zu sehen gibt es heute nicht in der Wüste, neben der Straße verläuft die Eisenbahn und ab und zu zieht ein schwer beladener Güterzug langsam an uns vorbei. Da es keinerlei Berge oder Steigungen gibt zieht hier eine Lok bis zu 80 Waggons. Auch ist es nicht ganz trocken, am Vormittag tangieren wir zwei Mal den Karakorumkanal, der für ein bisschen Grün in der Umgebung sorgt. Ich borge mir zur Abwechslung einen i-Pod und höre zwei Stunden Musik beim Radeln, auch etwas, was ich sonst nie tue, aber hier bei den langen geraden Strecken kann es schon ganz angenehm sein im Gitarrenrhythmus von Bob Dylan vor sich hin zu fahren. Nach zwei Stunden gebe ich das Gerät wieder zurück und hänge meinen eigenen Gedanken nach. Da es nur eine Straße gibt, fahren wir heute völlig frei und unabhängig, verloren gehen kann auch niemand und hier in Turkmenistan gab es bisher auch nur wenige Plattfüße, da alle ganz vorsichtig sind und nicht tiefer in die Wüste fahren, wo jede Menge sehr dorniges Gestrüpp wächst, dass geradezu auf einen Reifen wartet, um ihn zu durchstechen.
Mittag gibt es am Straßenrand an einem kleinen Kanal, so dass man sich hervorragend die Füße kühlen kann, denn inzwischen sind es knapp über dreißig Grad und die Sonne zeigt, was sie kann. Als ich meine Schuhe ausziehe und auf unseren Teppich treten will, der uns als Ruheplatz und Mittagstisch dient trete ich auf einen Dorn, zum Glück nicht mit voller Kraft, denn sonst hätte sich das Prachtexemplar von Stachel gute vier Zentimeter in meinen Fuß gebohrt, aber es ist trotzdem unangenehm und ich spüre den Schmerz noch einen Tag später.
Die kleine Stadt Tedzhen durchqueren wir in Kolonne, nachdem wir eine Teestube mit kalten Getränken gefunden haben und danach geht es durch bewässertes Gebiet. Links und rechts der Straße sind oft große Wassergräben mit Schilf, aus dem Vogelgezwitscher und Froschquaken ertönt. Eigentlich wollten wir nur 5 oder 6 Kilometer hinter der Stadt ein Zeltlager suchen, aber die Straße ist endlich einmal wieder in einem super Zustand, der Wind bläst von hinten und es ist noch gar nicht so spät. Außerdem ist es beim Radfahren am angenehmsten, denn wenn man stehen bleibt, erschlägt einen die Hitze fast. Also fahren wir noch gute 20 Kilometer weiter, bis wir wieder an einen großen Kanal kommen, dahinter ist eine Teestube, aber es gibt leider keine kühlen Getränke und die letzten sechs Bier haben die zuerst Angekommen schon weg getrunken. Unsere Zelte bauen wir auf den wenigen Stellen, die gerade und glatt sind, hinter der Teestube auf. Überall ist Dornengestrüpp, das in die Waden piekst und sticht. Wir müssen vorsichtig sein mit den Fahrrädern und mit den Isomatten und natürlich mit den Füßen. Ata warnt uns, die Zelte nicht zu weit weg aufzubauen, es sei Schlangensaison und es gebe immerhin vier giftige Sorten, ach ja und Skorpione laufen hier auch manchmal herum.
Kühlende Erfrischung bringt ein Bad in dem nahe gelegenen Ausläufer des Karakorumkanals, soll der Aralsee doch austrocknen, wir kommen hier zu einem wunderbaren Bad.
Während die Sonne langsam an den Horizont wandert und die Küchenmannschaft beginnt, den Plow für heute Abend zu kochen, beginnt die nächste Invasion. Abermillionen ausgehungerter Moskitos aus den Tümpeln in der Umgebung haben nur darauf gewartet, über uns 17 Radfahrer herzufallen. Pullover und lange Hosen helfen nicht viel, die Viecher beißen einfach durch. Heino packt seine Spezialausrüstung für solche Fälle aus, einen Hut mit Moskitonetz, Skandinavien erprobt. Ich ziehe mir meine Regensachen an, denn die sind nicht nur wasserdicht, sondern auch stichfest.
Da der Besitzer der Teestube immer noch keine Kaltgetränke und Bier besorgt hat und der Moskitoansturm noch andauert, verschwinden alle relativ zeitig in die Zelte.

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„Historisches Wüstenlager“

125 Kilometer, 227 Höhenmeter

Bericht: Tom Kerch

Wieder ein umwerfendes Frühstück im Hotel, ganz nach meinem Geschmack, mit viel Salat und Käse, aber auch die Müsli- und Marmeladenbrot Fraktion hatte nicht zu klagen. Vor dem Start wechselt Andre noch seine Sattelstütze, die Führung der Federung war, wie zuvor schon bei Ulli, total zerbröselt. Aus der Stadt heraus ist alles noch begrünt und ab und zu gibt es noch einen weiteren Monumentalbau in weißem Marmor, von Wohnvierteln ist nur wenig zu sehen. Dann stehen wir wieder in der Wüste, staubig und trocken, aber wir haben leichten Rückenwind und so radelt es sich sehr beschwingt, zumal die Straße am Anfang vierspurig und frisch asphaltiert ist. Während auf der rechten Seite unendlich trockene Weite liegt, ziehen an der rechten Seite ziemlich hohe Bergketten dahin. Die Karte zeigt, dass dort in vielleicht zehn Kilometer Entfernung schon der Iran liegt und ab und zu zieht auch ein Truck mit iranischem Kennzeichen an uns vorbei.
Gegen Mittag wird es dann etwas grüner, wir kommen wieder an bewässerten Feldern vorbei und überqueren dann erstmals den Karakorumkanal, der das Wasser vom fast 800 Kilometer entfernten Amurdaja heranführt. Diesem Fluss fehlt dann das Wasser für den Aralsee, der inzwischen zu zwei Dritteln ausgetrocknet ist. Dafür kann hier dann auf riesigen Flächen Baumwolle und Getreide angebaut werden.
Zum Mittagspicknick haben wir dann schon wieder 75 Kilometer hinter uns gebracht und um 13 Uhr geht es weiter. Inzwischen zeigt das Thermometer 29 Grad im Schatten. Wer hätte so etwas noch vor ein paar Tagen gedacht, als wir im Wind vor Kälte geschlottert haben.
Abiwerd ist eine Siedlung, die Anfang des letzten Jahrhunderts aufgegeben wurde, mit einer dreitausendjährigen Geschichte. Viel ist von der Stadt nicht mehr übrig, lediglich Ruinen aus Lehm, der Wassergraben und die ehemaligen Stadtmauern sind noch erkennbar. Direkt davor bauen wir unser heutiges Zeltlager auf. Nach einem nachmittäglichen Kaffee, einen Luxus, den wir uns lange nicht mehr geleistet haben, stampfen alle durch die Ruinen und machen Fotos. Überall liegen noch Scherben herum, an der Farbe soll man angeblich das Alter ableiten können. Ansonsten gibt es nicht mehr viel, trockenes Gras, in dem sich eine Schlange rasch entfernt und auch eine Schildkröte ergreift relativ schnell die Flucht. Aber es ist schön so frei in den Ruinen herumstreichen zu können.
Unsere Küchenmannschaft ist schon wieder fleißig am kochen und es duftet nach Rindfleisch und Kartoffeln, die im großen Kessel vor sich hin schmoren. Langsam senkt sich die Sonne zum Horizont und verschwindet dann nach und nach hinter den Ruinen.
Noch einmal quietschen Reifen auf dem Parkplatz und ein großer dunkler Jeep fährt vor. Es ist der Verantwortliche für die historische Stätte, der kam, um nach dem Rechten zu sehen. Nun erfahren wir, dass es nicht erlaubt ist in den Ruinen herumzulaufen, Scherben zu sammeln und besonders sei es nicht erlaubt Fotos zu machen. Wir sehen uns alle an und grinsen in uns hinein, alle haben ihre Spaziergänge hinter sich gebracht, in einigen Taschen klimpern Scherben, und die Bilder sind auch alle im Kasten. Inzwischen ist es eh zu dunkel für irgendwelche Aktivitäten auf historischem Grunde und außerdem wartet unser Essen auf uns. Ich habe nur mein Innenzelt aufgebaut und habe daher aus dem Zelt einen wunderbaren Blick auf den Sternenhimmel, eine Sternschnuppe durchschneidet die Nacht und ich wünsche mir noch etwas Schönes und schlafe ein.

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