Monatsarchiv für April 2008

„Sonnenschein vorm Großen Kaukasus“

90 Kilometer, 849 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Heute haben wir unser Yoga in dem wunderschönen Innenhof der Karawanserei und es macht gleich doppelt so viel Spaß mit solch einem historischen Hintergrund. So schön wie das Hotel ist, so lausig ist das Frühstück, aber draußen wartet herrlichster Sonnenschein auf uns. Der Aufbruch verzögert sich ein wenig, da wir noch eine wackelige Sattelstütze von Ulli und einige Bremsbeläge wechseln müssen, dann beginnt unsere Fahrt in einen frischen, sonnigen Frühlingsmorgen. Die Kulisse des Großen Kaukasus ist mehr als imposant, so nah waren wir noch nie dran an den Bergen und immer wieder bieten sich Möglichkeiten für grandiose Panoramafotos. Wir genießen den Tag, die herrliche Sicht, die wunderbare Frühlingssonne, die herrlichen grünen Weiden und jeder Kilometer ist eine Freude. Am Straßenrand wird in einem halbrunden Backofen Brot gebacken und es duftet verführerisch und schmeckt ebenso.
Mittag machen wir im Garten eines Teelokals, das um einen Baum herum gebaut wurde. Der ragt nun, mehrere hundert Jahre alt, aus dem Dach des Gebäudes heraus. Auch unser Mittagsimbiss ist einfach, aber das Brot ist frisch, die Tomaten schmecken nach Tomaten und nicht nach Holland, unsere letzte Packung Käse aus der Türkei verschwindet endlich und es gibt viel Obst und Gemüse. So gestärkt geht es dann weiter und wie am Vortage, liegt unser Zielort Qäbälä wieder ein ganzes Stück höher, doch erwartet uns ein sauberes Hotel, eine heiße Dusche und ein Wäscheservice und ein wenig Zeit für uns selbst.
Viel zu schreiben gibt es nicht über diesen wundervollen Tag, manchmal ist es einfach nur schön durch eine wunderbare Natur zu radeln und sich selbst den eigenen Gedanken zu überlassen. Vor dem Abendessen bleibt noch ein wenig Zeit und ich kann meine Aufzeichnungen in Ordnung bringen und ausführlich Duschen. Das Abendessen ist heute nicht zu reichlich, aber auch das ist einmal ganz gut. Der Abend vergeht bei Gesprächen mit einer Gruppe von Studenten aus den verschiedensten Ländern, die hier einen Workshop abhalten und botanisierend durch die Berge ziehen.

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102 Kilometer, 611 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Das morgendliche Wetter sieht nicht besser aus, als das von gestern Abend. Es hat die ganze Nacht geregnet und als wir gegen 9 Uhr das Hotel verlassen, radeln wir durch einige kleine Schauer. Der große Kaukasus liegt unter einer dicken Dunsthaube und über die Hügel rechts der Straße schieben sich Wolkenfetzen. Wir radeln eine wunderschöne Walnussallee und einige Bäume sind so alt, dass Marco Polo sie schon gesehen haben könnte. Dahinter liegen riesige Haselnusshaine immer wieder unterbrochen von großen Weiden mit Kühen und immer wieder auch Wasserbüffeln. Nach einer Stunde hört es dann auf zu regnen und ab und zu zeigen sich ein wenig die Berge des Großen Kaukasus. Der lettische Radler von der litauischen „Baltic Cycle“ Gruppe radelt heute mit uns und ist sichtlich beeindruckt von unserer Gruppenfahrweise, die wir bis zum Mittag völlig ungeplant durchhalten. Den ganzen Vormittag radeln wir zusammen und ich kann meine Russischkenntniss ordentlich auffrischen.
Mittagspicknick machen wir zur Hälfte mit mitgebrachten Sachen und ein paar Bratkartoffeln in einem Hochzeitspalast. Hochzeiten werden in Aserbaidschan in Gesellschaften um die 500 bis 1000 Leute gefeiert und eine solche Kapazität hat der riesige Saal ohne Zweifel.
Nach dem Essen wird es richtig warm und manchmal schickt die Sonne ein paar Strahlen durch die Wolken. Die Landschaft ist viel weiter als noch heute morgen und es tut dem Auge und dem Herzen gut, durch die grüne, leicht hügelige Ebene zu fahren.
Am Nachmittag biegen wir dann nach links ab. Unseren Zielort können wir schon von weitem sehen. Säki liegt deutlich höher vor uns in einem Seitental, direkt vor einer beeindruckenden Bergkulisse. Es geht kräftig einige Kilometer bergan und für einige ist es fast eine Quälerei durch das 60.000 Einwohner zählende Städtchen bis zum Hotel. Doch der Anstieg lohnt sich, das Hotel ist eine ehemalige Karawanserei, ein gewaltiger Ziegelbau mit einer schweren Holztür. Die Zimmer liegen idyllisch in halbbögigen Gewölben rund um einen großen Innenhof. Viel Zeit für eine Dusche bleibt nicht, denn im Städtchen gibt es noch einiges zu sehen. Früher war hier ein wichtiges Handelszentrum im Kaukasus und im 18. Jahrhundert hat sich der regierende Khan an diesem Ort einen Palast errichten lassen. Von außen ist das Gebäude schön, von innen jedoch mehr als beeindruckend. Die  Wände und Decken der sonst schlichten Räume sind grandios bemalt, Blumenmotive, Fresken mit Darstellungen von Schlachten ziehen sich durch das ganze Gebäude. Das Licht der Abendsonne fällt in  bunten Farben auf die Dielen. Die Fenster sind ein buntes Mosaik von Glasstücken in Holzrahmung, ohne Nagel und Klebstoff hergestellt. Die Werkstatt für solche Verglasungen befindet sich neben dem Museum. Der Meister erklärt uns die weltweit einzigartige Technik. Alle Holzstücke müssen sorgfältigst und millimetergenau gekerbt werden, damit man dann diese zusammen mit den Glasstücken in den Rahmen wie ein großes buntes Puzzle einfügen kann. Ein Quadratmeter dieser Arbeit kostet immerhin gute 1000 Euro.
Zurück im Hotel genießen wir das Abendbrot in einem wunderbaren Gewölbe der Karawanserei. Die Nacht in den Zimmern ist sehr kalt, was im Sommer ein Segen ist, wenn die Temperaturen mehr als 35 Grad erreichen, uns jetzt aber ein wenig zu schaffen macht, so dass einige zusätzlich zum Bettzeug noch ihren Schlafsack auspacken.

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89 Kilometer, 519 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Die ganze Nacht hat es geregnet und am Morgen gehen immer noch Schauer nieder. Der ganze Himmel ist verhangen und grau, die Berge sind komplett verschwunden und aus dem Tal steigen dichte Nebelschwaden empor. Nur in Richtung Aserbaidschan sieht es nicht ganz so verhangen aus, was uns etwas Hoffnung auf besseres Wetter gibt. Nach dem Frühstück geht es den gleichen Berg, den wir uns gestern Abend noch hinaufgequält haben, wieder hinunter. Wieder führt die Straße durch lange Alleen, doch im Regen und im Dunst hat alles einen gespenstischen Hauch. In einem kleinen Restaurant machen wir einen Teestop und im Laden nebenan, finde ich leckeres russisches „Konfetui“ (Schokopralinen), die ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr zu sehen bekommen habe. Wir setzen einen Teil unseres restlichen georgischen Geldes in diese Süßigkeiten um und beschließen, auf ein Mittagessen zu verzichten und uns mit dem Leckereien über die Grenze bis zum Abendessen durchzuschlagen. Nach einer kurzen Regenpause tröpfelt es gemütlich weiter bis zur Grenze. Dort ist schon wieder eine riesige Fahrzeugschlange, aber Lewan kann alles gut organisieren und wir kommen ohne Probleme durch, nur das registrieren der Pässe auf der aserbaidschanischen Seite zieht sich in die Länge, wir stehen alle da und frieren vor uns hin und reparieren nebenbei noch den zweiten Plattfuß des heutigen Tages. Inzwischen treffen auch die ersten Radler der litauischen Gruppe ein und bei den Gesprächen ist es nicht mehr ganz so kalt, zumal es auch noch aufgehört hat zu regnen.
In Aserbaidschan kommt noch ein zweiter Führer dazu, Gurban; alles scheint gut vorbereitet und auch der Gepäcktransfer von einem Fahrzeug zum anderen klappt ohne größere Probleme.
Aserbaidschan erscheint uns auf den ersten Kilometern noch ein wenig grüner als Georgien und das hat auch einen Grund. Wo die Georgier alles in Weinanbauflächen verwandelt hätten sind hier Wiesen und Weiden und wir sehen viele Pferde, Schafe, Kühe und sogar einige Wasserbüffel. Leider gehören auch wieder richtig aggressive Hunde dazu, die Zähne fletschend und wütend bellend neben uns her laufen. Zum Glück traut sich keiner dieser Köter einen Angriff auf eine unserer Radlerwaden.
Der erste Eindruck von Aserbaidschan ist ein positiver, die Straßen haben nicht mehr so viele Löcher und sind gut zu fahren, es ist zwar immer noch ein großer Teil der sowjetischen Fahrzeugflotte auf den Straßen, aber in wesentlich besserem Zustand als in Georgien und auch in und um die Städte  sind keine postsowjetischen Ruinen zu sehen. Das Erdölland scheint etwas reicher zu sein, denn die Häuser sind in recht ordentlichem Zustand und überall gibt es nette kleine Läden. Etwas ausgehungert und leicht bergan ziehen sich die letzten zwanzig Kilometer in die Länge. Durch die Zeitumstellung haben wir eine Stunde verloren und so ist es schon fast sieben Uhr als wir endlich unser Hotel in Zagatala erreichen. Heiße Dusche und geheizte Zimmer sorgen für allgemeines Wohlwollen und auch das Abendessen in einem Restaurant etwas außerhalb der Stadt sorgt dafür, dass wir alle der Küche des für uns neuen Landes zugetan sind. Frisches Gemüse, Ruccola, Koriander und Zwiebeln sorgen für Vitamine, eine starke Hühnerbrühe für Energie und die kleinen Grillteller sind lecker und erinnern ein wenig an die Türkei, wie auch die Sprache, in der sich die „Ü“s schon wieder häufen. Als Getränk gibt es Wasser und Cola und jeder bekommt ein Glas Wodka, die Weinkultur ist hier in dem moslemischen Land nicht so ausgeprägt und der Wodka ein Erbe aus den Zeiten der sozialistischen Verbrüderung mit dem Rest der Sowjetunion.
Am Abend treffen wir in der Hotellobby noch einen verirrten Letten aus der litauischen Gruppe, dem wir ein wenig weiterhelfen und anbieten morgen mit uns gemeinsam nach Sheki zu fahren, da die andere Gruppe das gleiche Ziel hat.

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“Begegnungen im Fliederduft“

95 Kilometer, 986 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Nachdem es nachts noch geregnet hat, strahlt die Sonne. „Das ist georgisches Wetter!“ sagt Leo. Von den Russen wurde das Land deshalb auch immer ‚solnitschnaja Grusja’ (sonniges Georgien) genannt. Wie schön es sein kann, sehen wir schon vom Parkplatz des Hotels aus. Eine lange Front des Großen Kaukasus bestimmt das ganze Panorama hinter der grünen Ebene, über mehrere zehn Kilometer nur schneebedeckte Berge. Wir sausen die letzten Meter ins Tal hinab, aus Telavi heraus und entlang geht es einer wunderschönen Buchenallee, die die Straße mehrere Kilometer säumt. In den kleinen Ortschaften blüht der Flieder, den man schon über hundert Meter riechen kann. Dann taucht vor der Bergkulisse eine alte Festung auf, ein herrliches Fotomotiv von allen Seiten. Natürlich parken wir unsere Räder und besichtigen die alte Festung und die Kirche da drinnen. Vom obersten Türmchen hat man den Blick nach allen Seiten. Kein Feind konnte sich hier nähern, ohne schon von weitem gesehen zu werden. Während wir noch den Erläuterungen in der Kirche lauschen, gesellt sich ein Radfahrer zu uns, der nicht zu unserer Gruppe gehört. Er ist Pole und sozusagen die Vorhut, der litauischen Gruppe, die fast zeitgleich mit uns und ebenfalls in Athen gestartet ist. Von oben lässt sich dann gut beobachten, wie sich ab und zu wieder ein Radler nähert und dann auch das Begleitfahrzeug der anderen Gruppe. Dann stehen wir alle unten und plaudern, machen ein großes Gruppenbild und ein paar Leute der „litauischen Gruppe“ fahren ein paar Kilometer zusammen mit uns. Organisiert ist die Tour von einer Organisation namens „Baltic Cycle“, die auch schon andere große Touren veranstaltet hat. In diesem Jahr haben wir zwar fast die gleiche Route, allerdings ist das Gesamtkonzept doch verschieden. Die Fahrer haben den Hauptteil des Gepäckes am Fahrrad und übernachtet wird meistens im Zelt oder in Gruppenunterkünften und Turnhallen und kaum in Hotels und Guesthäusern. Von uns hat man auch schon gehört und wir werden als die „Luxustour“ bezeichnet.
Wieder auf dem Rad gesellen wir uns trotz verschiedener Konzepte zusammen und tauschen Ideen, Erfahrungen, Pläne und kleine Sorgen aus, es ist für alle ganz erholsam, einmal andere Gesprächspartner zu haben.
Mittagspicknick machen wir auf einer kleinen Wiese neben der Datscha eines Weinbauers, der natürlich gleich mit einer Flasche selbst gebrannten Tresterschnapses zu uns kommt. Einige von uns müssen ein Gläschen leeren und ich gleich mehrere, nur weil ich Russisch sprechen kann; und niemand kommt mir zu Hilfe.
Weiter geht es durchs Hauptweinanbaugebiet Georgiens und etwas weiter wird Heino von einer Gruppe älterer Mädchen weg gefangen, die am Rande des Feldes feuchtfröhliche Mittagspause halten, jetzt muss Heino viel Rotwein trinken und hat gute Chancen sich sofort an Ort und Stelle mit einer 50jährigen Dame zu verloben.
Am Rande eines Schrottplatzes und Gebrauchtwagenhändlers treffen wir uns wieder. Der Besitzer hat eine Leidenschaft für alte Fahrzeuge und wir bestaunen einige gut restaurierte Fahrzeuge, ein „Simka“ aus den 50er Jahren kostet 10.000 Dollar, aber der Händler möchte nicht gegen mein Fahrrad tauschen, er habe Herzprobleme, sagt er, die Zigarette im Mund.
Weiter geht es durch größere Dörfer unter viel Fliederduft, wir fühlen uns wie auf einer „Tour der France“. Die Leute sitzen in der Abendsonne vor ihren Häusern und jubeln uns zu. Hier und da mache ich kurz Stopp für ein kurzes Wohin und Woher, dann müssen wir weiter.
Der Schock kommt am letzten Abzweig nach Sighnachi, die Stadt liegt noch einmal 500 Höhenmeter höher und wir kämpfen uns in den letzten Strahlen der Abendsonne nach oben. Dort erwartet uns nicht nur eine tolle Aussicht, sondern ein heimeliges Städtchen mit einer schönen Stadtmauer. Nach etwas Durcheinander bei der Verteilung auf die drei Häuser sitzen wir dann gegen 8 Uhr zusammen beim Abendbrot bei der Familie, es ist herzlich und reichlich wie immer und es fließt genau so viel Wein, wie in den letzten Tagen und ich finde es ist ein guter Ausklang für unseren leider schon letzten Tag in Georgien, einem Land mit herzlichen Menschen und einer Gastfreundschaft, wie ich sie kaum zuvor kennen gelernt habe, auch wenn uns das schönste Wetter erst am letzten Tage ereilt hat.

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„Geschüttelt auf der Schlaglochpiste“

94 Kilometer, 1618 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Mit etwas Verspätung kommen wir los, da die Heißwasser-, Kaffee, Teeversorgung im Hotel zum Frühstück nicht so gut funktioniert hat, die ständig vor sich hin grummelnde schlechtgelaunte Bedienung mit Sowjetmentalität hatte nicht die geringste Lust, dem Ansturm der 18 Radler plus den Nachfragen einer britischen Gruppe standzuhalten.
Es ist heute Morgen deutlich wärmer als in den letzten Tagen und das allein ist schon ein Grund zur Freude. Keine Freude dagegen ist der dichte Fahrzeugverkehr auf der Ausfallstraße, den wir gute 20 Kilometer über uns ergehen lassen müssen, dann können wir nach rechts in ein Seitental abbiegen. Gestern haben viele schon wieder gestöhnt, weil heute ein Pass mit 1700 Metern auf dem Programm stand, eine Alternative für schlechtestes Regenwetter wäre die Hauptverkehrsstraße gewesen. Da sich sogar die Sonne kurz in dem Hochnebel zeigt, gibt es für mich gar keine Frage, welche Strecke zu wählen ist und ich lasse mich auch auf keine Diskussion ein.
Die Nebenstraße ist wieder sehr löchrig, mitunter fehlt der Straßenbelag ganz und es geht immer wieder kräftig hoch und runter. Aber die Landschaft ist wunderschön, nur ganz selten sehen wir einmal ein Auto, viel mehr dagegen Schafherden; oder Kühe beobachten uns wiederkäuend ausdruckslos vom Straßenrand. Die Bäume stehen in voller Blüte und überall zwitschern die Vögel. Auf einer kleinen Lichtung finden wir einen schönen Platz für eine Rast und ein Picknick und können uns dann frisch gestärkt an Käse, Wurst und Joghurt an den Pass werfen. Obwohl die Steigung nicht mehr als sechs Prozent hat, stöhnen einige von uns kräftig, da es jetzt faktisch keinen Asphalt mehr gibt und an einigen etwas steileren Rampen ist es schon schwierig, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Aber vom Straßenrand werden wir immer wieder angesprochen und ermuntert und ab und zu habe ich eine kurze russische Konversation. Bald sind wir durch das letzte Dorf hindurch und die Straße schraubt sich höher und höher. Unser Rastplatz lag noch auf 800 Meter Höhe und wir schrauben uns dann auf nur 12 Kilometern bis auf 1600 Meter hoch. In den Kurven hat man immer wieder wunderschöne Ausblicke zurück und auf die Almen und auch die Sonne ist etwas herausgekommen. Die entfernten Schneegipfel lassen sich aber im Dunst nur erahnen.
Kurve um Kurve kämpfen wir uns nach oben, ich glaube es ist der schwerste Anstieg nach unseren Heldentaten in Griechenland, aber irgendwann ist das Ende, der Pass abzusehen, die Ersten warten auf die Letzten und nach einer kurzen Verschnauf- und Fotopause geht es dann abwärts. Und wir haben Glück, denn die Straße nach unten ist wesentlich besser, fast durchgängig guter Asphalt und so geht es in rasender Fahrt abwärts. Nach einem kleinen Dorf tauchen wir ein in einen Buchenwald und es ist wirklich toll, mit dem Pass haben wir wohl eine ganze Woche Frühling übersprungen, denn die Buchen leuchten in der Nachmittagssonne in schönstem Grün und überall blühen Blumen in allen Farben. Dicke Buchenstämme links und rechts der Straße, ich muss anhalten und mache ein paar Schritte in den Wald mit den knorrigen Bäumen. Ein regelrechter Zauberwald.
Gegen 18 Uhr kommen wir dann in Telavi an, wieder eine Stadt, die zu Sowjetzeiten besser ausgesehen hat, aber unser Hotel ist neu, wenn auch einfach. Die Zimmer sind nett und sauber und auf den schwierigen Tag trinken wir ein „Schmutziges Bier“. Mir Leo bestelle ich dann das Abendbrot und muss mich noch mit nüchternem Magen durch die Weine kosten, der rote ist zu süß, aber der Weißwein, obwohl „nur“ ein Hauswein hat Format und der nächste Rotwein, diesmal aus der Flasche ist richtig gut. Auch das Abendessen ist sehr gut und alle sind zufrieden.
Nach dem Computerstress in Tiblissi mit dem langsamen Internet, dass mich fast die ganze letzte Nacht gekostet hat ,verschwinde ich zeitig im Bett und mich stört nicht einmal, dass unten noch bis lange nach Mitternacht der Tanzbär tobt.

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Sonntag, 6. April 2008: Tiblissi

Ruhe,- Putz und Schraubtag (leider ohne Bilder)

Bericht: Tom Krech

Für unsere Teilnehmer ist heute ein Ruhetag ohne Programm. Die meisten wollen noch einmal durch die Stadt schlendern und ihre Nase in Kirchen und alte Bäckereien stecken, oder einfach nur durch den botanischen Garten schlendern. Ein Teil der Männer hat Mahmukas Angebot angenommen und ist zum Skifahren in die Berge. Wir anderen opfern uns und putzen die Räder, ich stelle viele Schaltungen nach und wechsele Bremsbeläge und an Andrés Vorbau versuchen wir das Problem der festgefressenen Mutter zu lösen, vorerst vergeblich.
Danach heißt es für mich die letzten Tage nach zu schreiben, Mails zu beantworten und meine Texte in die Blogs zu stellen und Bilder zu bearbeiten und zu verschicken.
Viel lieber wäre ich noch diesen Tag in der Stadt herum geschlendert, aber die Arbeit muss auch getan werden und das Internet will manchmal nicht richtig funktionieren und ist elendig langsam. Die Gruppe geht abends noch ins georgisch-türkische Bad und lässt sich einweichen, schrubben und massieren und ich erledige weiter meine Arbeiten. Volker und ich basteln noch weiter am Vorbau und wir kommen zu einer einigermaßen befriedigenden Behelfslösung. Der Lenker sitzt wieder fest und wackelt nicht mehr und André muss auch nicht befürchten, das RTeil während der Fahrt plötzlich in der Hand zu haben.
Abendessen machen wir getrennt, nur ein paar Leute treffen sich in einem winzigen georgischen Lokal und das Essen ist noch leckerer als sonst.

„Attraktiver Kulturinput“

Bericht : Tom Krech

Georgien ist ohne Zweifel das Land mit den attraktivsten Reiseleiterinnen. 10 Uhr steht sie vor uns, Tamuna, Augen wie Feuer, charmantes Lächeln und ein besseres Deutsch als die meisten unserer Teilnehmer und erzählt uns mit Leidenschaft und Hingabe über das Schicksal „ihrer Stadt“ Tiblissi. Die Wurzeln reichen zurück in legendäre Zeiten, historische Funde gibt es aus vorchristlichen Zeiten, alle waren hier, die Mongolen, die Araber, die Christen, die Juden, um teilzuhaben am Reichtum der Handelsstadt an der Seidenstraße. Zahlreiche noch heute erhaltene Karawanserien erinnern an die Zeiten die Marco Polo beschreibt, Kamelkarawanen haben sich durch die engen Gassen des Städtchens gezwängt, Händler aller Nationen hier gehandelt. Es ist geraubt, geplündert und gebrandschatzt worden, aber Tiblissi ist immer wieder aufgebaut worden. Wir ziehen vorbei an orthodoxen Kirchen, werfen einen Blick auf eine Ausgrabung eines Weinkellers aus römischen Zeiten und besteigen die alte Festung. Hier haben wir ein atemberaubendes Panorama in alle Richtungen und auch auf die Bausünden der letzten Jahre und Jahrzehnte. Das noch im Bau befindliche Präsidialamt mit einer blauen Glaskuppel passt genauso wenig in die Stadt, wie ein gigantisches kommunistisches Wohnsilo. Zum Besuch von George Bush sind einige Fassaden renoviert worden, nur von vorne und mit viel Farbe. „Potemkinsche Dörfer“ nennt man das und so sagt Tamuna: „Der Bush soll noch mal kommen, aber eine andere Route durch die Stadt nehmen, damit noch mehr renoviert wird.“
Im Stadtzentrum gibt es eine kleine Fußgängerzone mit nett renovierten Häusern, aber einen Straßenzug weiter regiert schon wieder der Verfall. Vom Sitz des letzten georgischen Prinzen lässt sich nur noch erahnen, wie prachtvoll das Gebäude einmal ausgesehen hat und dahinter steht eine noch grauenvollere komplett ausgebrannte Ruine. Mittag machen wir in einem kleinen Imbisslokal, mit kleinen leckeren Vorspeisen, schweren aber köstlichen russischen Salätchen, verschiedenen warmen Fleischgerichten und verlockenden Süßspeisen. Es geht schnell, ist nicht teuer und schmeckt gut und ich frage mich zum tausendsten Male in meinem Leben, was die Leute zu Mc Donalds & Co. treibt, der auch hier gleich nebenan in einem umgebauten historischen Gebäude mit benachbartem Denkmal des Nationaldichters eine Bleibe gefunden hat. Wieso tun sich die Leute weltweit vereinheitlichten Geschmack an, wenn man nebenan wirklich richtig gut essen kann.
Danach geht es ins Museum, in die Schatzkammer für Ikonen in einem heruntergekommen Bau. Passend zum Äußeren die lokale Führung. Mit absolut emotionslosem Gesichtsausdruck, und völlig ausdrucksloser Stimme rattert die Mittfünfzigerin mit vermutlich noch sowjetischer Intourist-Ausbildung ihren Text herunter. Wenn man bei der Monotonie nicht sofort schläfrig würde, könnte man hier noch einiges Wissenswertes erfahren, so versuchen wir uns aber an der Karikatur einer Reiseführerin wenigstens noch zu amüsieren und sehnen uns nach draußen zu unserer munteren Tamuna zurück, nachdem wir den halben Weg durch die Ikonen, gemalt, emailliert und mit Gold und Steinen beladen, zurückgelegt haben.
Draußen geht es dann noch einmal den Einkaufsboulevard hinauf und hinunter und dann haben wir unser umfangreiches Programm für heute hinter uns gebracht. Den Abend verbringt dann jeder, wie er will, für mich steht noch eine kleine Besprechung auf dem Programm in einem netten kleinen Restaurant mit delikatem Essen und entsprechendem Wein dazu. Da aber wir Reiseleiter auch etwas müde sind, wird es nicht mehr als ein guter Schluck zum Essen und ich freue mich auf eine ruhige Nacht und den morgigen Ruhetag, obwohl ich wohl viel arbeiten werden muss.

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„Übers weite Land nach Tiblissi“

91 Kilometer, 667 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Das morgendliche Wetter sieht etwas unentschlossen aus und es ist ziemlich frisch, gerade einmal 5 Grad zeigt das Thermometer, als wir gegen halb zehn aufbrechen. Noch einmal geht es die Stalinallee herunter, am so genannten „Reichstagsgebäude“ vorbei, dem Rathaus der Stadt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde und eine etwas kleinere Kopie des Originals in Berlin ist, inklusive der Glaskuppel. Davor steht nach wie vor Stalin und blickt vorwärts auf eine bessere Zukunft.
Gleich hinter der Stadt biegen wir von der Hauptstraße ab und fahren auf einer winzigen verkehrsfreien Straße durch kleine Dörfer. Wieder Bilder des Postsozialismus, eine riesige verfallene Bahnstation in der Mitte der Pampa, auf der seit Jahren kein Zug mehr gehalten hat, riesige verfallene Stallungen, überwucherte Denkmäler. In den Dörfern fahren Busse, die eigentlich in ein Verkehrsmuseum gehören und die wenigen Fahrzeuge sind alles rostende Karossen sowjetischer Bauart. In kleinen Buden werden die Errungenschaften der modernen Welt und Lebensmittel verkauft und eine Werbetafel der Berliner „Schultheiß“ Brauerei hat es hierher über den ehemaligen Dorfladen geschafft. Auf der Straße werden wir von zwei rotnasigen Männern angehalten und müssen gemeinsam eine zwei Liter Flasche mit Bier eines lokalen Labels leeren. Weiter geht es durch die Schlaglochpiste, ab und zu drei Meter Asphalt zeugen von besseren Zeiten, zwischen den Dörfern ist die Piste mitunter so schlecht, dass wir auf den alternativen Fahrstreifen auf dem Feld ausweichen. Umso schöner ist die Landschaft und die zu neuem Leben erwachende Natur, reihenweise blühende Birnenbäume lassen hoffen, dass es in den nächsten Tagen wärmer wird.
Mittags rasten wir auf einer kleinen Anhöhe und haben ein kleines Picknick und einen großartigen Blick auf den kleinen Kaukasus südlich von uns. Nachmittags auf dem nächsten Hügel dann der große Schreck: Wo ist Helga? Vor einer Viertelstunde war sie noch hinten bei mir und hatte dann einen kurzen Abstecher ins Gebüsch gemacht. Gab es danach noch einen Abzweig? Ich fahre noch einmal zurück, ohne Erfolg. Achi braust noch einmal mit dem Jeep los und eine knappe halbe Stunde später haben wir Helga wieder, es hatte wirklich noch einen Abzweig gegeben und die beiden Obstbauern, die Helga versucht hatte nach dem Weg zu fragen , waren nicht wirklich hilfreich.
Wenig später kommen wir auf die Haupstraße zurück und danach erreichen wir die alte georgische Haupstadt Mtskheta (ich kann dieses fast vokalfreie Wort nicht aussprechen). Dort gibt es eine Jahrhunderte alte Festung und Kirche, die wir besichtigen. Erst nach einigen Diskussionen dürfen wir die Kirche, die mehr als zehn Mal aufgebaut und wieder zerstört wurde, besichtigen. Der bärtige Wächter hatte es nicht gern gesehen, dass wir in unseren eng anliegenden Radhosen, das heilige Gemäuer besichtigen, aber Achi kann von unserer Tour erzählen und dass es natürlich nicht möglich ist, immer eine zweite Kollektion Sachen dabei zu haben. In der Kirche gibt es mehrere kleine Bauten aus frühchristlicher Zeit und auch hier soll es ein Leichentuch mit dem Abdruck des Gesichtes von Jesu geben. Wie viel davon Legende und wie viel davon Wahrheit ist, weiß niemand, denn die Wissenschaftler wollen den Steinsockel, der das Tuch beherbergen soll nicht öffnen.
Der Besuch in der Kirche erspart uns einen Regenguss und nun geht es auf die letzten Kilometer in Richtung georgische Hauptstadt, zwei ganzen Ruhetagen entgegen. Der Verkehr ist katastrophal dicht und chaotisch und wirklich nur zu ertragen, weil ein Polizeifahrzeug hinter uns fährt. Hier in Tiblissi sieht man schon wieder jede Menge großer und teurer Fahrzeuge auf der Straße, wer Geld hat tauscht sofort seinen Lada gegen ein teures japanisches oder deutsches Modell mit Stern ein. Wie in Batumi wird viel gebaut, es gibt postmoderne Verfehlungen, viele Baustellen, sozialistische Wohnblöcke aus den 70er Jahren, alte Jugendstilhäuser und auf jedem Hügel eine Kirche. Mit dem letzten Tageslicht erreichen wir unser Hotel und haben nicht viel Zeit zum Duschen, denn wir werden von einer kleinen Abordnung des Tourismusministeriums erwartet und zum Essen eingeladen. Wieder gibt es viel zu viele leckere Sachen und es ist schwer zu entscheiden ob nun der Rotwein oder der Weißwein besser ist und so trinken wir im Wechsel. Danach machen die letzten Munteren von uns noch einen Abstecher in die Altstadt und wir ziehen in eine Bar mit Livemusik. Ein wenig zu tanzen ist eine gute Abwechslung zum Radfahren und morgen können wir ja fast ausschlafen.

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„Auf den Spuren des Generalissimus“

60 Kilometer, 285 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Durchs Fenster strahlt die Sonne, allerdings ist es immer noch böse kalt, knapp über Null Grad. Der gestrige Regen hat sich als Schnee auf den fernen Bergen gesammelt. Die Frau des Hauses hat es wirklich über Nacht geschafft, unsere Sachen zu waschen und sie sogar trocken zu bekommen, lediglich meine Handschuhe habe ich vergessen und die sind noch patschnass. Das Frühstück ist wieder eine Fortsetzung des Abendessens, Spiegeleier, Würstchen, selbst gemachtes Pflaumenmus, Käse und Wurst, alles im Überfluss. Nachdem Fahrräder und Gepäck bereit sind noch ein großes Abschiedsfoto und dann geht es die schlammige Dorfstraße wieder hinunter durch das Dorf. Und überall zeigt sich das gleiche Bild, eine riesige Fabrik, ehemals eine Flaschenfabrik liegt still, grün überwucherte Bahngleise, vor dem riesigen Komplex ein verfallenes Gebäude mit griechischen Säulen davor, das „Dom Kulturui“, das ehemalige Haus der Kultur, alles verlassen und verödet. Unsere beiden georgischen Führer geben auch zu, dass es zumindest wirtschaftlich ein Fehler war, sich von Russland zu trennen, denn das große Land war der Hauptabnehmer von allem, was hier in Georgien produziert wurde, Industrieprodukte, Wein und Tee, alles ging früher Richtung Moskau, heute wird nicht mehr produziert. Und der große Aufschwung mit der Unabhängigkeit lässt immer noch auf sich warten und immer wieder wird betont, dass man sich als Georgier ja eigentlich als Europäer fühlt und nicht so sehr als zu Asien zugehörig.
Wir fahren wieder durch eine grüne Ebene, aber nur 30 oder 50 Kilometer weg liegen majestätisch die ersten Ausläufer des Großen Kaukasus, Berggipfel mit bis zu 5000 Meter Höhe, ohne Ausnahme mit Schnee und Eis bedeckt. Am Straßenrand werden Äpfel verkauft, von den großen Plantagen zu beiden Seiten der Straße und etwas weiter ist ein Fleischstand aufgebaut, eine Schweinehälfte und zwei Schweineköpfe werben für das Produkt.
Nach einem Hügel blicken wir auf Gori, eine mittelkleine Stadt, früher gab es jede Menge Industrie, heute sehen wir neben ein paar funktionierenden Betrieben natürlich viele Ruinen. Das modernste Gebäude ist ein riesiger Kasernenkomplex, wie in allen Staaten der Welt ist eben fürs Militär immer Geld da. Heute sind wir auf zwei Familien verteilt untergebracht, wir laden rasch unser Gepäck in den Zimmern ab, denn wir haben noch ein Nachmittagsprogramm.
Gori ist der Geburtsort von Stalin. Deshalb geht es dann mit dem Bus auch erst einmal die Stalinallee hinunter, bis zum Stalinplatz mit Stalinmuseum und Stalingeburtshaus. Der Monumentalbau im stalinistischen Stil beherbergt eine komplett unkritische Sammlung von Stalinfotos und Devotionalien. Unsere Führerin im Museum spricht hervorragend Deutsch und führt uns durch Stalins Jugend, durch den Zweiten Weltkrieg bis zur Kopie der Totenmaske. Ulli versucht ihr ab und zu durch kluge Fragen ein paar Worte zur dunkleren Seite Stalins abzuringen, aber sie geht nicht darauf ein, nur bei der Bemerkung, dass ja Stalin doch auch ein ganz schöner Gauner gewesen sei, kann sie ein Lächeln nicht unterdrücken.
Gegenüber dem Museum steht das Geburtshaus Stalins, der aus armen Verhältnissen stammt, der Vater war Schuster und die Mutter Schneiderin und die Familie mit vier Kindern hat in dem kleinen Zimmerchen gewohnt, in das nicht einmal die Hälfte unserer Gruppe passt. Letztes Ausstellungsstück ist Stalins Eisenbahnwagon, ein rollendes Stück Panzerstahl, mit dem er durch die Welt rollte. Selbst in Potsdam war er mit diesem Wagon, da er das Fliegen nicht mochte.
Nach so viel Geschichte und Personenkult geht es dann zu einem kleinen Mittag ins Restaurant und dann gleich weiter zur Höhlenstadt Uplisziche. Vor 3000 Jahren schabten die damaligen Bewohner in mühevoller Arbeit eine ganze Stadt aus dem Sandstein, inklusive Königspalast und Sakralbauten. Archäologen haben die Funktionen der einzelnen Höhlen herausfinden können und so geht es hindurch durch Lagerräume, Weinkeller, Bäckerei. Wein wurde in einer riesigen Mosterei ausgepresst und schon damals prägte sich eine der Grundzüge der georgischen Kultur aus. Sechs Gläser Rotwein pro Tag, drei zum Mittag und drei zum Abend seien unverzichtbar für eine gute Gesundheit und er halte sich seit Jahren daran, sagt unser 70-jähriger Führer durch die Ruinen und Höhlen und springt behende von einem Felsblock zum anderen, um uns die nächste Höhle zu zeigen.
Die späte Nachmittagssonne liegt über dem weiten Tal des Mtkvari- Flusses, sanfte grüne Hügel und kleine Dörfer schmiegen sich in die Mäanderbiegungen und eine straffe Briese aus westlicher Richtung pfeift um die Ecken der antiken Felsbehausungen. Hoffentlich bleibt er uns erhalten, denn dann wird die morgige Fahrt nach Tiblissi ein Spaziergang.
Am Abend lernen wir wieder herzlichste Gastfreundschaft auf georgisch kennen, hausgemachter Rotwein wird in viel zu großen Mengen in großen Karaffen auf die Tische gebracht, die sich schon unter der Last von allerlei Leckereien biegen. Auf der Veranda wird der Grill mit Buchenholz angeworfen und eine große Schüssel mit Schaschlik wartet nur darauf, gegrillt zu werden. Der Weg ins Bett führt wieder vorbei an Grill und Gastgeber, der mich noch einmal abfängt. Noch mehr Wein von den Reben aus dem eigenen Hof, 400 Liter produziert er im Jahr und die werden immer alle, woran ich keinen Zweifel habe. Danach bin ich müde und weinselig und rolle mich in die katastrophale Kuhle meines viel zu weichen Bettes und falle unverzüglich in Tiefschlaf.

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“Schöner Tag im Sch….regen“, deswegen ohne Bilder

98 Kilometer,1199 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Dies wird unser erster richtiger Regentag und unter Regentag haben wir definiert, deutlich mehr als 3 Stunden Regen, heute sieht es so aus, als ob es bis zum Abend nicht mehr aufhören wird zu schütten. Unsere Gruppe teilt sich, 10 Mutige wollen den ganzen Tag fahren, die Anderen noch eine Stadtrundfahrt zur Klosteranlage Gelatti mit faszinierenden alten Fresken machen. Das Kloster war noch in Betrieb, wunderschön und beeindruckend soll der monotone Gesang der Mönche gewesen sein.
Wir anderen düsen dann nach dem Frühstück im Regen los, die Schlaglöcher sind noch gefährlicher als am Vortag, da man ja jetzt nicht mehr erkennen kann, wie tief das Loch ist und wir umfahren dann also sicherheitshalber die riesigen Pfützen. Nach der Stadt fährt jeder so vor sich hin, es geht wieder an alten ausgedienten Industrieanlagen vorbei. Obwohl die Hauptstraße stark befahren ist, empfinde ich den Verkehr als nicht sehr stressig. Gedankenversunken fliegen die Kilometer vorbei, ab und zu sehe ich jedoch auf und freue mich über das Grün, das links und rechts hier hervor sprießt. Wäre heute ein Sonnentag, wäre es wunderschön und auch die Landschaft ist nicht übel. Eine nicht zu große Ebene mit kleinen grünen Hügeln, ab und zu ein Dorf und viele Kühe, die emotionslos an der Straße stehen und uns Radfahrer emotionslos anstarren.
Langsam beginnt es dann zu steigen und die Straße führt in einem anfangs breiten Flusstal nach oben. Inzwischen regnet es nicht mehr ganz so stark wie am Morgen, aber es sieht immer noch nicht so aus, als ob es jemals wieder aufhören möchte. Durch die Berge und Hügel ist man entweder zu kalt oder zu warm angezogen, ich vermeide es zu schnell zu fahren, um so wenig wie möglich zu schwitzen, aber trotzdem wird es irgendwann frisch und frischer. Zur Mittagspause in einer kleinen Gaststätte sind wir dann auch alle richtig durchgeweicht, lediglich die Füße sind noch trocken, dank meiner guten Lederschuhe. Der offene Kamin wird im Handumdrehen in eine Trockenstelle verwandelt und alle dampfen vor sich hin. Das Essen, wieder Schaschlik, Leber, Auberginen, Salat und mit Käse gefülltes Brot, lassen die Anstrengungen der ersten Tageshälfte wieder vergessen, doch nach einer guten Stunde des Aufwärmens müssen wir wieder auf die Straße zurück. Es regnet wieder etwas mehr und es geht nun auch etwas kräftiger aufwärts, wenigstens friere ich dabei nicht, aber vor der Abfahrt werde ich unbedingt eine andere Jacke anziehen müssen.
Der Fluss entlang der Straße wird immer kleiner und schmaler und dann geht es durch zwei kleine Tunnel. Auf der Karte ist der Pass mit knapp unter 1000 Höhenmetern eingezeichnet, aber ein letzter großer langer Tunnel erspart uns dann die letzten 80 Meter Anstieg bis zum Pass. Auf der anderen Seite gibt es gleich eine Teestube, der Ofen wird extra für uns mit glühender Kohle angeworfen und die letzten trockenen Kleidungsstücke werden angelegt. Bis zum Ziel soll es nicht mehr weit sein und glücklicherweise auch nicht sehr lange abwärts gehen. Trotzdem komme ich mit gefühllosen Fingern in Surami an, einigen geht es noch schlechter, weil auch die Schuhe durchnässt sind oder der ganze Körper.
Unsere Unterkunft finden wir in einem fast fertigen Haus einer netten georgischen Familie, alle drängeln sich um die Dusche und für Volker und mich bleibt nur noch ein eisgekühltes Zimmer übrig. Doch einige von uns finden den Weg in die Küche und dort gibt es erst einmal ein hervorragendes Hühnersüppchen, sehr heiß und mit sehr viel Knoblauch, eine Flasche selbst gebrannter Trester macht die Runde, wärmt die Seele und öffnet die Herzen. Natürlich benutze ich die Gelegenheit um einige Probleme der Gruppe anzusprechen und vielleicht schaffen wir es doch noch über einige egoistische Angewohnheiten hinwegzukommen.
Beim Abendessen biegen sich die Tische und alles ist mehr als lecker, ähnliches Programm wie am Vortage. Ich darf heute die Rolle des Tamada, also des Tischredners übernehmen und Sprüche auf Gott, die Welt, die Freundschaft, unsere Reise, natürlich die Gastgeber, Georgien, die Menschheit und vieles andere ausbringen, natürlich jedes Mal von einem „Gaumachos!“ und einem Glas Wein begleitet. Also wird es heute wieder einmal ein sehr feuchter Abend und auf dem Wege ins Zimmer muss ich noch einmal in die Küche, wo auch schon wieder einige Leute sitzen und ich die Konversation auf Russisch weiterführen darf. An das Ende des Abends kann ich mich dann kaum noch erinnern, nur dass ich irgendetwas so witzig fand, dass ich nach zehn Minuten immer noch nicht aufhören konnte zu lachen.

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