Monatsarchiv für April 2008

Bericht: Tom Krech

Was für die Anderen ein Ruhetag ist, wird für mich wohl harte Arbeit werden, denn das Internet geht nur über Modem und ist quälend langsam. Draußen futuristische Prachtbauten, innen digitales Mittelalter, das Frühstück dagegen eher bürgerlich spießig, aber super gut. Eine riesige Auswahl an Salaten, Fleisch und auch sonst alles, was der westliche Tourist so mag, lässt keinen Wunsch mehr offen. Dann stürze ich mich in die Arbeit und verknote meinen Rechner mit dem Telefonnetz. Dann heißt es Texte schreiben, Fotos sortieren und bearbeiten und alles versenden. Letzteres dauert am längsten und kostet mich 6 Dollar pro Stunde. Irgendwann gegen 13 Uhr sehe ich nur noch bunte Flecken auf dem Bildschirm und entschließe mich zu einem Spaziergang. Aus dem Hotel steuere ich auf die Prachtavenue zu. Links und rechts monumentale Regierungsgebäude, quaderförmige Kästen mit Kuppel oder traditionell orientalisch mit vielen Kuppeln gehalten. Große, breite Straßen mit nicht zu vielen Autos, aber an Menschen fehlt es hier. Nur überall Polizei und Armee. Ich fotografier links und rechts und werde immer wieder darauf hingewiesen, dass ich das nicht darf. Wozu diese tollen Gebäude, wenn keiner da ist, der sie ansieht und wenn man nicht einmal fotografieren darf. Ich fotografiere trotzdem weiter und so habe ich wohl heute ein gutes Dutzend Bilder von Gebäuden, die nicht fotografiert werden dürfen. Ich hoffe, dass mich keiner meiner Leser an die hiesige Polizei verrät! Am anderen Ende eines riesigen, menschenleeren Platzes steht wieder ein Turkmenbashi Denkmal, obenauf eine goldene Statue des großen Führers, der sich mit der Sonne dreht. Stalin hätte hier, den Personenkult betreffend, noch einiges lernen können. In dem folgenden Park gibt es wenigstens ein paar Leute. Ein paar alte Männer spazieren an den Springbrunnen entlang und Liebespärchen halten Händchen. Ich darf auch ein Bild von einem jungen Pärchen machen, aber nur mit dem Versprechen, dass es in Turkmenistan nicht veröffentlicht wird und Mutti und Vati der jungen Dame nichts davon erfahren. Ich glaube, dass Versprechen kann ich halten. Hinter dem Prunkviertel beginnt wieder die Sowjetunion, zumindest optisch. Häuser aus den 50er Jahren und vermüllte Hinterhöfe mit schrottreifen Autos. Die Benz und BMWs sind eher auf den großen Straßen zu finden. Die Frauen, zumindest die Turkmeninnen, tragen wunderschöne lange enge Kleider, die zu ihren schlanken Figuren passen. Viele andere Frauen dann eher westlich und sehr knapp, wohl hauptsächlich Russinnen, von denen es hier im Vergleich zu den anderen bereisten Ländern sehr viele gibt. Auch sprechen die Leute durchweg gut Russisch, ob jung oder alt. Leider muss das an Eindrücken reichen, denn im Hotel wartet noch jede Menge Arbeit auf mich und ich werde nicht einmal Zeit für einen Mittagsschlaf haben.
Und so wird es dann auch, ich arbeite wieder bis 19 Uhr und dann gehen wir alle zusammen ins russische Restaurant von gestern. Heute kennen wir die Karte natürlich und so wird es noch leckerer als am Vortage. Danach bin ich wieder so müde, dass ich nur noch ins Bett fallen kann.
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„Sonntagsflug in die Hauptstadt“

161 Kilometer, 295 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Mehr Radler als gestern Abend geplant wollen die gesamte Strecke bis nach Aschchabat durchfahren, deshalb raschelt es schon kurz vor sechs in den meisten Zelten. Ich werfe den Kocher für Tee an und es gibt ein schnelles Müslifrühstück, dann heißt es schnell noch Zelt einpacken, Zähne putzen und mit dem Spaten in die große Wüstentoilette und wirklich wir kommen kurz nach sieben los. Die Wüste hat sich an uns genug ausgetobt und die Sonne strahlt uns entgegen, ein wenig trüb, aber immerhin. Es weht ein laues Lüftchen und zwar von hinten!!! Wer hätte so etwas gedacht.
Da wir dem Frieden noch nicht trauen treten wir ordentlich in die Pedale. Wer weiß, wie lange wir solches Glück haben. Wir wechseln uns vorne ab und ziehen mit 28 Kilometern los, manchmal zeigt der Tacho auch mehr als dreißig. Nach dreißig Kilometern ist dann auch Schluss mit der Schlaglochpiste, eine neu gebaute Autobahn erwartet uns und nun gibt es kaum noch ein Halten mehr. Wir fahren nicht nach Aschchabat, sondern wir fliegen.
Die Wüste ist nicht mehr so wüst, wie in den letzten Tagen, wir kommen in die Nähe des Karakorumkanals und deshalb liegen links und rechts der Straße Felder mit Getreide oder Baumwolle. Immer öfter kommen wir an größeren Dörfern vorbei oder durchqueren eine kleine Stadt. Die Polizei hält uns die Autofahrer vom Halse und wir erleben wunderbares Radfahren. 45 Kilometer vor Aschchabad, in Geok-Tepe schalten wir dann runter und gehen in ein kleines Lokal, dort gibt es leckere Mantui, gefüllte Teigtaschen und Suppe dazu, eine gute Mittagstärkung nach dem 120 Kilometer Ritt hierher, wer hätte gedacht, dass wir so schnell sein können. In dem kleinen Lokal belegen wir einen Raum mit flachem Tisch und Teppichen und das lädt natürlich zu einem kurzen Mittagsschlaf ein. Geweckt werden wir durch Eckhardt, der heute gern allein fahren wollte und unsere Räder gesehen hat, er schaut kurz rein und radelt gleich weiter, noch bevor ich ihm die Hoteladresse sagen kann.
Hatten wir bisher in Turkmenistan noch keine Moschee gesehen, fahren wir auf dem Weg in die Stadt gleich an drei riesigen Prachtbauten vorbei, einer größer als der andere. Auf einem Parkplatz an der Straße vor einem Denkmal sehen wir eine tanzende Menschenmenge. Wir biegen ab und sehen uns das an, eine Hochzeit ist hier im Gange, einer spielt Akkordeon, ein weiterer Mann schlägt eine Trommel und ein Dritter spielt ein Blasinstrument. Langsam bewegt sich das Brautpaar durch die tanzende Menge. Von der Braut ist nicht sehr viel zu sehen, sie ist von oben bis unten in prächtig geschmückte Gewänder verpackt und kann nur winzige Tippelschritte machen. Der Bräutigam trägt einen westlichen Anzug. Nach 5 Minuten ist alles vorbei, denn das Braupaar steigt ins geschmückte Auto, die Gäste in andere Fahrzeuge und alle brausen laut hupend von dannen.
Am Ortseingang wieder eine riesige Moschee und ein Mausoleum, alles mit goldenen Kuppeln und Türmchen und so prächtig wie das Taj Mahal in Indien für den Turkmenbashi, den ersten Präsidenten des unabhängigen Turkmenistan Saparmurat Niyazow. Der Hang zum Personenkult ist nicht zu übersehen. Die Bilder des jetzigen Zahnarzt-Präsidenten stehen im ganzen Lande an jeder Ecke. Vor dem Gebäudekomplex viel Armee und Bewachung und Springbrunnen, nur an Menschen mangelt es. Ähnlich sieht es auf der Prachtavenue aus, auf der wir nun ins Zentrum radeln, gigantische Gebäude im orientalischen Stil, mit Kuppeln und Türmchen, viel Gold und riesigen Springbrunnen davor sind hier in den letzten zehn Jahren errichtet worden. Alles erscheint ein wenig wie in einem futuristischen Film, doch dafür wird morgen noch Zeit sein, jetzt ruft erst einmal die Dusche. Vorher gibt es noch ein „schmutziges Bier“ und dann sind auch alle da, bis auf Eckhardt, der wohl eine andere Route in die Stadt genommen hat. Ich informiere die Traffic Polizei, die uns begleitet hat und nach knapp zwei Stunden trifft auch er im Hotel ein, die Polizei hat ihm das Hotel nennen können und so sind wir zum Abendessen wieder alle vereint.
Nach den Strapazen der letzten Tage wird es ein gigantisches Mahl in einem russischen Restaurant und in drei Gängen a la carte wird alles serviert, was das Herz begehrt. So voll gefressen bin ich nicht mehr in der Lage irgendetwas zu schreiben und falle müde in mein riesiges Bett.

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„Gute Wüste, Schlechte Wüste“

160 Kilometer, 245 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Ein guter Morgen. Es ist nicht mehr ganz so kalt und es weht nur ein kleines Lüftchen, aber natürlich immer noch aus der falschen Richtung. Unsere fleißigen Helfer haben um 8 Uhr das beste Frühstück seit langem gezaubert, Müsli, Tee, Milchpulver, Gurken, Tomaten, frisches Brot, Marmelade, Wurst und Käse in ausreichenden Mengen. Die fruchtlosen Diskussionen von gestern sind vergessen und heute macht das Fahren sogar etwas mehr Spaß, auch wenn die Strecke nicht viel abwechslungsreicher ist als gestern. Manchmal wird der Wind etwas stärker, dann wieder schwächer und mittags kommt die Sonne heraus und das Thermometer zeigt angenehme 20 Grad.
Irgendwann passiert das, was einmal passieren musste, vorne weicht jemand einem Loch aus, der Nächste bremst ein wenig, der Dritte stärker, der Vierte kommt gerade noch zum stehen und Robert stürzt. Der Helm fängt das Schlimmste ab, aber Richard hat Schmerzen in der Brust; wahrscheinlich ist eine Rippe gebrochen. Nichts Gefährliches, sagt der Doktor, aber Robert muss für ein paar Tage auf den Bus und ist furchtbar traurig.
Das Mittagspicknick ist genauso gut, wie das Frühstück und so radeln wir gut gestärkt weiter. Die halbe Gruppe versucht die verlornen Kilometer vom Vortage wieder herauszufahren, damit Aschchabat morgen auch mit dem Rad erreichbar bleibt. Ata lässt sich von mir drei Mal versichern, dass wir die 160 Kilometer auch schaffen und fährt dann nach vorne, um das Zeltlager zu errichten.
Wir finden einen guten Rhythmus und lösen uns im Windschatten ab und kommen gut voran und es ist genau 19 Uhr, als das Zeltlager links neben der Straße in der Wüste zu sehen ist. Ata, unser turkmenischer Führer, hatte eine Stunde später mit uns gerechnet; und nun sieht es ganz gut aus morgen Aschchabat mit dem Rad zu erreichen, es dürften noch etwa 170 bis 180 Kilometer sein und wenn das Wetter so ist wie heute, können wir das schaffen.
Im Lager sind die fleißigen Köche schon wieder am Werk und zaubern einen leckeren Rindfleisch-Kartoffel-Eintopf. Marlies sammelt Holz für ein kleines Feuerchen und als das abgebrannt ist, sehen wir alle einer ruhigen Nacht entgegen. Ein paar Sterne leuchten und der Wind hat komplett abgeflaut; was mich für den morgigen Tag hoffen lässt.

„Hagel in der Wüste“

81 Kilometer, 438 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

So gut (und teuer) das Abendbrot im Hotel war, so schlecht ist wiederum das Frühstück, ein Miniklecks Butter und ein kleiner Klecks Marmelade, adliges Brot (Brot von Gestern), eine Mokkatasse Kaffee und ein Aufpreis für einen weiteren Klecks Marmelade, natürlich kein Ei und keine Wurst und keinen Käse, lediglich ein winziges Süppchen.
Draußen bläst wieder der Gegenwind, nicht ganz so stark wie gestern, aber in Kombination mit dem Frühstück ist die Stimmung ganz unten und es gibt mächtig Streit um Nichts.
In kleinen Gruppen geht es dann durch die Wüste. Lange unendliche Straßen führen bis zum Horizont und es gibt nicht einmal mehr Kamele. Der Himmel trübt sich ein und wir holpern über die schlechte Straße. Auch gestern war der Asphalt grauenvoll. Ab und zu ein paar Hundert Meter recht ordentliche Straße, dann vom Wetter zerfressener Belag, dass es nur so holpert. Unsere Räder machen das alles gut mit. Gestern hatte nur Heino einen Plattfuß von dem Dornengestrüpp, aber bei der grässlichen Holperei und den Löchern, in denen man sich verstecken könnte, haben wir heute keine Probleme. Große Stellen sind so, dass es aussichtslos ist, den Löchern auszuweichen, da heißt es nur Augen zu und durch, Geschwindigkeit stabilisiert schließlich. Dann nimmt der Wind wieder zu und wir stehen wieder in einem halben Sandsturm. Seit gestern haben wir wieder Polizeibegleitung, die uns die Fahrzeuge sehr engagiert vom Leibe hält. Trotz des wenigen Verkehrs staut es sich hinter uns und wir lassen die Kolonne aller 5 Kilometer durch. Zu den Löchern kommen dann noch Sandverwehungen, durch die man nur langsam hindurch kommt, in der ersten Sandbank kommen gleich drei Radler zum Liegen, aber in den Sand fällt es sich relativ weich und so passiert nichts Schlimmeres. Gegen Mittag fängt es dann an zu regnen und wir drängen uns alle im zu engen Bus. Brot und Wurst und Tomaten und Käse werden von hinten nach vorn durchgereicht. Als wir dann aufbrechen wollen, kommen kleine Hagelkörner dazu und es sind gerade noch einmal sechs Grad Temperatur. Haben wir nun alle widrigen Kombinationen von Wüstenwetter durch oder kann es noch schlimmer werden. Mit so etwas hatte niemand gerechnet und selbst unser Führer und der Fahrer sagen, dass sie ein solches Wetter noch nicht erlebt haben. Vor 15 Jahren habe ich Ende Juli die Wüste mit 55 Grad erlebt, auch nicht angenehm, ich musste damals um 4 Uhr morgens losfahren, weil die Sonne so unbarmherzig brannte und ich nach 13 Uhr zu keiner Bewegung mehr fähig war, selbst nachts waren es mehr als 28 Grad. Aber damals war der Asphalt super und es scheint mir, dass seitdem hier nichts mehr am Straßenbelag gemacht wurde.
Die halbe Gruppe steigt in den Bus und die andere Hälfte kämpft weiter gegen den Wind, der jetzt wenigstens manchmal ein wenig abflaut und wir nicht mehr ganz so langsam vorankommen. Gegen 18 Uhr kommt der Bus zurück, und obwohl wir die letzten 20 Kilometer noch geschafft hätten, allerdings bis 20 Uhr, sind alle froh über die kleine Abkürzung, wenn das noch so ein paar Tage weitergeht, kann sich in Aschchabat keiner mehr bewegen und das betrifft auch unsere stärksten Fahrer, die den ganzen Tag vorne im Wind stehen und den anderen Windschatten spenden.
Zum Glück haben wir eine Teestube gefunden und es gibt zwei hintere Räume, die wir anmieten können. So müssen nicht alle das Zelt aufrichten und es gibt einen warmen Raum zum Teetrinken und Ausruhen. Da drinnen wieder alle tausend Varianten diskutieren, wie wir nach Aschchabat kommen, gehe ich nach draußen und helfe dem Begleitteam bei der Zubereitung des Plow. Über einem großen Gaskocher wird Rindfleisch angebraten und dann kommen nach 20 Minuten viele Zwiebeln und Karotten hinzu, Wasser wird aufgegossen und alles köchelt eine gute Stunde und duftet appetitlich. Dann wird der Reis eingebracht und die Kochflamme zurückgenommen und nach weiteren 40 Minuten ist ein leckerer Plow fertig, dazu ein Salat und alle sehen nicht mehr so verdrießlich aus und natürlich fahren wir morgen weiter, so weit wir eben kommen und zur Not überbrücken wir die letzte Etappe nach Aschchabat, aber schlechter kann das Wetter nicht mehr werden.
In der Teestube finden sich ab und zu ein paar Trucker ein und sind von Ulli begeistert, der Kontakte knüpft, um hier gebrauchte Lkw´s zu verkaufen. Auch ansonsten ist das Interesse an den Radlern groß und wir plaudern alle noch bis in die Nacht.
Einige Verwegene bauen draußen doch noch die Zelte auf und auch ich bevorzuge eine Nacht in der Frische, eingemummelt in meinen warmen Daunenschlafsack.

“Wüste in allen Variationen“

120 Kilometer, 1151 Höhenmeter

Bericht von Tom Krech

Wieder einmal ein lausiges Frühstück und das nach dem fehlenden Abendessen am gestrigen Tag. Draußen sieht es auch nicht toll aus, es ist trübe und kühl, doch um 9 Uhr sitzen wir auf den Rädern und fahren durch die Stadt. Das letzte Mal war ich vor 15 Jahren hier und kann mich an nicht viel erinnern. Turkmenbashi ist eine kleine Stadt mit ein paar charakterfreien Gebäuden. Am Rathaus zeigt ein Strich die Meereshöhe Null, den das Kaspische Meer liegt 26 Meter unter dem Meeresspiegel der Ozeane. Vor der Stadt große Erdölanlagen, dann geht es einen Berg hinauf und dort gibt es nur noch ein paar kleine Häuschen, die in der weiten trockenen Steppe armseliger wirken, als sie sind. An der Straße kauen ein paar Kamele, die keine Kamele, sondern Dromedare sind, auf stacheligen Ranken herum. Ich kann einige von uns gerade noch so davon abhalten mit den Rädern in die Wüste näher zu den Tieren zu fahren, denn die Dornen, die im biologischen Sinne keine Dornen, sondern Stacheln sind, fürchten sich nicht vor unseren „unplattbaren“ Mänteln und ich habe keine Lust auf das Flicken von einem Dutzend Plattfüßen.
Der Wind meint es nicht gut mit uns, als wir die letzten Häuser hinter uns lassen, im Gegenteil, er frischt in der nächsten halben Stunde mächtig auf, Windstärke 5, schätze ich, mit heftigeren Böen dazwischen. Diese treiben dichte Schwaden von Staub und feinem Sand vor uns her. Der prickelt unangenehm auf jeder offenen Hautfläche und bald sind wir verpackt wie eine Marsexpedition. Noch einmal frischt der Wind auf und treibt uns zu einer Pause in einer Bushaltestelle. Soll dies ein Willkommensgruß sein in Turkmenistan oder in der Wüste? Nun dann scheinen wir keine erwünschten Gäste. Da sich am Wind nichts ändert, treibe ich meine Leute etwas an. Es hilft nichts und wir müssen da durch. In kleinen Gruppen kämpfen wir uns durch den Sturm, mit nur 10 oder 11 km/h geht es nur mühselig vorwärts, wenigstens lässt irgendwann der Sand und Staub nach, aber angenehmer wird es dadurch nicht. Auch meine Taktik für die langen Wüstenetappen ist dahin, bei solchem Wetter sind 150 Kilometer nicht zu schaffen. Bei einer kleinen Rast beschließen wir die drei Gruppen zu belassen und zu sehen wie weit wir kommen, den Rest nach Balkanabat werden wir wohl im Bus zurücklegen müssen. Dann geht es weiter, irgendwann lässt der Wind etwas nach, aber mehr als 14 oder 15 Kilometer pro Stunde sind nicht möglich. Viel zu sehen gibt es nicht, rundherum Wüste, grau und langweilig, mit viel trockener Erde und ein paar kargen Stauden. Nur die stacheligen Stauden sind an den Spitzen grün und zeigen, dass ja eigentlich Frühling ist. Ab und zu taucht rechts im Dunst noch das Meer auf und an der linken Seite ziehen graubraune Hügel vorbei. Ab und zu kommen wir an einer kleinen Siedlung mit gleichartigen flachen grauen Häusern vorbei. Von was leben die Leute hier? Kein Baum, kein Strauch, nur ab und zu ein paar Kamele, die von uns oder vom Wind nicht im Mindesten beeindruckt sind. Menschen sieht man nur ganz wenige. Ab und zu winkt uns ein Kind zu und an einer Bushaltestelle sitzen Frauen mit Kopftüchern und verkaufen eine weiße Flüssigkeit, Kamelsauermilch. Ich überlege kurz und kaufe mir eine Flasche, eine phantastische Sauermilch mit einem eben etwas kameligem Beigeschmack, erfrischend und Durst löschend und hoffentlich ohne fatale Auswirkung auf den Verdauungstrakt. Durch meine Asientrips hoffe ich, etwas abgehärtet zu sein. Meine Mitradler halten sich dann auch zurück und probieren nur einen winzigen Schluck. Auch das Mittagspicknick machen wir in drei Gruppen im Bus. Da der Wind ein wenig nachgelassen hat könnten einige von uns das Tagesziel Balkanabat noch aus eigener Kraft erreichen und so kämpfen wir dann weiter. Doch der Wind frischt wieder so auf, dass es zur Qual wird. Auch Helma und Rosemarie steigen in den Bus um. In meiner Gruppe fahren dann Robert und Dieter und ich, knallhartes Windschattenfahren ist angesagt, jeder genau einen Kilometer im Wind und dann 5 cm hinter dem Rad des anderen oder seitlich versetzt, wenn der Wind von der Kante kommt. Wir schrauben das Tempo auf 17 km/h hoch und rechnen mit einer Ankunft um 19.30 Uhr, doch hinter dem übernächsten Hügel bricht der Wind von neuem kräftig los und wieder sind wir bei 11 oder 12 km/h, geschätzte Ankunftszeit Mitternacht. Bei Kilometer 120 treffen wir auf die vorderste Gruppe. Es ist 19 Uhr, der Wind strafft sich mehr und mehr und das GPS zeigt 15 Kilometer mehr als geplant, also noch 45 Kilometer gegen den Sturm. Die letzte Nacht war auch zu kurz und wir haben Hunger. Also rufen wir den Bus zurück, der dann auch eine halbe Stunde später kommt. Alle sind total müde und kaputt, egal ob sie den ganzen Tag im Wind gestanden haben oder nicht. Gegen 20 Uhr erreichen wir Balkanabat, dass ich als großes Dorf in Erinnerung habe, doch nun geht es vorbei an einer langen Straße moderner Bauten, Theater, Ölkompanien, und unser Hotel. Vor der letzten Kreuzung kommt es fast zu einem Touche mit einem Pkw, der Fahrer fährt vor den Bus, springt aus dem Fahrzeug und schimpft wüst mit unserem Fahrer. Inzwischen springt ein Passant in den auf der Straße stehenden Wagen, lässt den Motor an und fährt mit quietschenden Reifen los. Der schimpfende Fahrer springt zu seinem Auto, erwischt das offene Fenster und hält sich daran fest und wird in der nächsten Kurve davon geschleudert. Unser Fahrer legt den Gang ein und sieht zu, dass er weg kommt und im Bus sitzen wir alle mit aufgeklappten Kinnladen, und ich baue dann auch alle drei Schlösser ans Rad, trotz des bewachten Parkplatzes.
Wenigstens wollen wir ausreichend Schlaf und ein gutes Abendbrot haben und das gibt es dann auch im Hotelrestaurant, Suppe, Vorspeise, Hauptspeise nach Karte und dann nur noch ab ins Bett mit bleischweren Glieder, hoffentlich wird das Wetter morgen etwas besser!

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„Gedulsdprobe Teil 2“

Bericht: Tom Krech

(Aufgrund der bescheidenen Übertragungsraten im turkmenischen Internet, muss ich die Bildqualität leider heruntersetzen.)

Gegen 7 Uhr schlafen viele noch. Unser rostiger Kahn zieht eine lange weiße Gischtfahne durch das ruhige Meer, es weht nur ein leichter Wind. Ein Matrose mit einem großen Müllsack kommt an Deck und entledigt sich dessen mittels eines Schwunges über die Reling. Ich schaue den davon treibenden Zivilisationsresten noch ein wenig nach und entschließe mich zu einem genialen Frühstück, hatte ich mir doch in Baku noch eine kleine Dose Kaviar und eine Flasche Sekt gekauft. Heino hatte die gleiche Idee, nur statt des Sektes hat er Wodka auf dem Tisch. Mit ein paar Frühaufstehern genießen wir dann unsere Fischeier auf frischem Brot und der Sekt macht auch schön schläfrig. Es ist einfach schön für ein paar Stunden nichts zu tun zu haben und zu genießen, diese Sekt-Kaviar-Orgie war mein Traum seit wir die Tour geplant haben, mein Freund Yorgos aus Griechenland hätte die Arme ausgebreitet und „Hartes Leben!“ ausgerufen und genau das tun Heino und ich auch und an dieser Stelle viele Grüße an Yorgos, den bisher kein anderer Reiseleiter toppen konnte, naja, vielleicht konnte Tamuna aus Tiblissi mithalten. Mit solchen Gedanken verkrieche ich mich dann noch einmal in meinem Schlafsack und mache den Faulenzertag ‚rund’.
Gegen 11 Uhr kommt dann auch die Sonne heraus, einige unserer Reisenden lungern auf dem Oberdeck herum und unterhalten sich mit den Teilnehmern der anderen Gruppen oder lesen oder starren einfach nur aufs Meer. So vergeht dann der Vormittag, der Mittag und auch der Nachmittag, ab und zu unterbrochen durch ein Tässchen Tee und irgendwann gegen 16 Uhr ist dann auch ein schmaler Streifen Land zu sehen. Dieser kommt näher und näher, durch eine schmale Wasserstraße geht es in die Bucht vor Turkmenbashi und wir erkennen die Konturen der Stadt, kahle Berge, Erdölraffinerien und Hafenanlagen. Doch zur allgemeinen Enttäuschung wendet das Boot drei Kilometer vor der Küste, stoppt die Maschinen und wirft den Anker und dann passiert nichts mehr. Wieder heißt es warten und warten und es wird wohl nicht das letzte Mal an diesem Tag sein, denn die Grenzabfertigung in Turkmenbashi, das hier schon fast greifbar vor uns liegt, ist für seine Langsamkeit bekannt.
Als die Sonne dann langsam zum Horizont wandert wird die Maschine wieder angeworfen und unser Schiff wird in den Fährhafen bugsiert. Fasziniert beobachten alle, wie der große Kahn zentimetergenau an die Gleiskante heranmanövriert wird. Bei dem schönen Wetter und der ruhigen See funktioniert das sehr gut, aber wie mag das bei schlechtem Wetter und hohem Wellengang aussehen. Von Bord dürfen wir noch lange nicht. Zuerst kommt ein Arzt an Bord und nun gilt es die Reisepässe von drei großen Reisegruppen, die die Schiffscrew gut vermischt hat, wieder auseinanderzusortieren, unser Doktor und der der Litauer wird nach mehr oder weniger seltenen Krankheiten in der Gruppe befragt, dann kommt nach einer halben Stunde der Zoll an Bord und beguckt sich alles und dann dürfen wir auch entladen und uns zur Grenzstation an Land begeben, wo es wieder heißt: Warten, warten, noch mal warten. Zwischendrin ein Formular ausfüllen und dann noch eins. Dann geht es unendlich langsam in der Abfertigungshalle vorwärts. Jeder Pass geht durch mindestens 5 Hände, weiteres Papier wird von den Beamten ausgefüllt, Anmeldebescheinigungen ausgefüllt, gegen gecheckt und mehrfach gestempelt, das Gepäck durchleuchtet und so weiter. Gegen Mitternacht kann uns dann Ata, unser turkmenischer Führer, in Empfang nehmen und wir radeln in die nahe Stadt. Die Nacht ist kühl und es weht ein frischer Wind aus der verkehrten Richtung. Im Hotel gibt es dann nur noch etwas zu essen auf den Zimmern und eine Flasche Wasser und gegen zwei Uhr kann ich dann endlich mein Licht löschen und einschlafen nach einem Tag unendlicher Wartereien, morgen soll es dann gleich zeitig weiter in die Wüste hier in Turkmenistan gehen.

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„Die Geduldsprobe“

Bericht: Tom Krech

Zwei Ruhetage haben einen großen Vorteil, denn die wirkliche Ruhe setzt erst am zweiten Tag ein. Dieser beginnt mit Ausschlafen und Frühstück. Ich muss um 9 Uhr los an den Fährhafen, um dort die Pässe abzugeben und die Tickets klarzumachen.
Dort am Fährhafen warten schon die Litauer und haben noch nicht viel erreicht. Wenigstens kann ich nach Abgabe der Pässe wieder gehen. Die Fähre fährt, wann der Kapitän will, erst einmal ist sie noch gar nicht da und niemand weiß, wann sie kommt, aber dies sei normal, ich werde alle drei Stunden informiert. Mit diesen Neuigkeiten komme ich dann zurück ins Hotel. Erst einmal ist für Beschäftigung gesorgt, wir putzen die Räder, säubern und ölen die Ketten. Bremsbeläge müssen gewechselt werden und es gelingt mir alle verstellten Schaltungen zu justieren, so dass wir keinen Abstecher zu einem Radladen mit professionellem Mechaniker mehr machen müssen. Dabei vergehen dann die ersten 3 Stunden und um 13 Uhr gibt es noch keine Neuigkeiten. Dadurch bleibt Zeit für ein paar Einkäufe oder fürs Mittagessen oder für einen Bummel am Strand. Ich quäle mich mit dem Internet und versuche, einige Mails zu senden und meinen Blog auf den aktuellen Stand zu bringen. Währenddessen entfaltet sich das kriminelle Potential in der Gruppe. In der Lobby stehen kleine Fähnchen aller Herren Länder, die genau die richtige Größe für Eckhards Fahnenstange haben, für alle Länder, die wir auf der Tour noch durchqueren gibt es dort Fähnchen.
Bisher hatten wir immer nur unter größten Bemühungen eine Fahne fürs jeweilige Land auftreiben können und nachdem selbst unsere moralischsten Teilnehmer ihre Zustimmung gegeben haben, verschwindet ein Fähnchen nach dem anderen und glücklicherweise bekommt die Dame an der Rezeption nichts davon mit. Als Reiseleiter muss ich hier natürlich schreiben, dass ich von alledem nichts gewusst habe.
Um 16 Uhr gibt es wieder nichts Neues und einige werden unruhig, ob des verschwendeten Tages, doch noch während der Diskussion klingelt mein Telefon und wir können für 19 Uhr unsere Abfahrt vorbereiten. Pünktlich ist alles verladen und verstaut und wir rollen die drei Kilometer zum Fährhafen. Das Schiff ist zwar immer noch nicht da, aber es wird erwartet. Auf dem Gelände des Fährhafens tummeln sich nun drei Gruppen, die Litauer sind auch schon da und noch ein Fahrzeug von Dragomann Tours, die mit einem umgebauten Fahrzeug durch die Welt trudeln, Ziel natürlich auch Peking. Erst nach einer guten Bierlänge tut sich etwas am Eisenbahnfährterminal. Die Pässe werden ein paar Mal geprüft und wir besteigen die Fähre und verstauen unser Gepäck an der Seitenwand des großen rostigen Seelenverkäufers. Die Kajüten sind schon wieder so schlecht, dass alle es eher lustig finden und wirklich niemand meckert, aber mit dem Schlafsack lässt es sich auch auf der keimigen Matratze für eine Nacht aushalten. Von den Toiletten funktionieren auch nur einige richtig. Das einzige, was wirklich von Anfang an funktioniert, ist die Bar. Also machen wir es uns hier erst einmal gemütlich und warten darauf, dass die Fähre ablegt und wirklich irgendwann gegen 23 Uhr geht ein Ruck durch das Schiff und wir sind auf dem Wasser und Baku verschwindet langsam am Horizont. Kurz nach Mitternacht feiern wir noch ein wenig Roberts Geburtstag, dann geht es schlafend weiter in Richtung Turkmenistan.

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Montag, 14. April 2008: Ruhetag in Baku

„Kaviar und Wodka“

Bericht: Tom Krech

Heute haben wir ein Frühstück, welches alle Geschmäcker befriedigt, es gibt Müsli und Früchte, Wurst, Eier und verschieden Sorten Käse und entsprechend gut ist die Laune, zumal wir alle ausschlafen konnten.
Gegen 10 Uhr steigen wir in den Bus zur Stadtrundfahrt, nachdem wir uns ausführlich von Lewan, unserem Reisebegleiter aus Georgien verabschiedet haben. Alle sind ein wenig traurig, denn Leo, wie wir ihn nannten, tat unserer Gruppe mit seiner ruhigen sympathischen Art wirklich sehr gut.
Offiziell leben in Baku 2,2 Millionen Menschen, inoffiziell sind es doppelt so viele, vor allem Einwanderer aus benachbarten Krisenregionen und Gastarbeiter leben hier. Unterwegs treffen wir dann sogar eine chinesische Bauchhändlerin, die sich mit ihrer Familie hier durchschlägt.
Etwas bedrückend ist das Denkmal für den 20. Januar 1990. An diesem Tag wurde von der russischen Armee eine Demonstration blutig aufgelöst, wobei über 120 Menschen ums Leben kamen. Weiterhin gab es Dutzende Soldatengräber aus den Konflikten Aserbaidschans mit Armenien und der „abtrünnigen“ Provinz Nagornui Karabach. Allerdings frage ich mich, ob mit der Anlage eines solchen Memorials nicht die Grundlage für weitere Feindschaft gelegt wurde.
Von dem Denkmal hat man allerdings auch einen hervorragenden Überblick über ganz Baku, vor uns liegt das Kaspische Meer, über das wir morgen schippern wollen und die von der UNESCO geschützte Altstadt. Dahinter eine Woge von Hochhäusern, sicheres Zeichen für ein durch Ölreichtum aufstrebendes Land.
Die Altstadt mit ihrer Stadtmauer und den Gebäuden des ersten Ölbooms im letzten Jahrhundert sind wunderschön renoviert. Überall gibt es kleine Souvenirläden und trendige Restaurants. Eine Bar ist nach dem Tarantino Film“Kill Bill“ benannt und an der nächsten Ecke gibt es „Snatschoks“, kleine Abzeichen aus guten alten Sowjetzeiten. Ich verleihe mir selbst einen kleinen Anstecker mit Leninporträt und der Aufschrift „Für ausgezeichnete Arbeit“, Kostenpunkt 80 Cent.
Danach geht es in den Khanpalast, leider ist es zu warm und der Palast ist zu gut renoviert, alles ist perfekt, aber es gibt keine alten Ecken für Stöbernasen und so beschließen wir, die Besichtigung nicht unnötig in die Länge zu ziehen, sondern fahren zum Markt.
Dort kaufen wir Kaviar für 120 Euro, schließlich kommen wir so schnell nicht wieder. Das ist zwar viel Geld, macht aber nur drei Döschen a 130 Gramm in drei verschiedenen Qualitäten aus. Dazu kaufen wir dann noch Brot, Schinken, Obst und Gemüse und suchen uns eine Teestube, in der wir alles auftischen dürfen. Kombiniert mit einem Schluck Wodka stürzt sich jeder auf sein kleines Häppchen Fischeier…..lecker und wir stellen fest, die billigste und die teuerste Sorte schmecken am besten. Nach einem abschließenden Tee geht es dann zurück ins Hotel und jeder kann den Rest des Tages so verbringen, wie er will. Einige wollen noch ein wenig durchs Zentrum bummeln oder am Ufer promenieren, andere halten einen Spätnachmittagsschlaf und ich sitze den ganzen Abend am Computer und erweise mich meines Ordens würdig.

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„Am Beginn der Wüste“

130 Kilometer, 1009 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Das Frühstück ist so mager wie an den Tagen zuvor und einige in der Gruppe murren deswegen, aber diese Art von Frühstück, nur Brot und Honig, dazu eine Scheibe Käse und ein halbes Rührei ist hier landesüblich. Einige fordern sogar ihre 200 Kalorien zum Frühstück, aber ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns kurz vor dem Hungertod steht, eher im Gegenteil.
Nach einigen kleinen Justierungen an den Rädern geht es dann los. Der aserbaidschanische Guide hatte einen Tag mit kleinen Hügeln angekündigt, doch glücklicherweise hatte ich das Höhenprofil noch einmal studiert und allen gesagt, dass wir in den „Hügeln“ gut und gerne 1000 Höhenmeter sammeln können und die Strecke auch bis zu 130 Kilometer werden könnte, denn gleich am Anfang geht es stetig bergauf. Wieder einmal wirkte das Wetter unentschlossen nach dem nächtlichen Regen, aber auch heute verziehen sich die dichten Wolken und es klart langsam auf.
Die schwedische Radlerin Erica radelt heute einen Tag mit uns bis nach Baku. Für mich ist das ganz angenehm, da ich einmal einen neuen Gesprächspartner habe mit dem ich keine Gruppenprobleme diskutieren muss und so macht es mir nichts aus, ganz langsam zu dritt mit Ulli die Berge hinauf zu tuckeln.
Mit dem letzten Pass hat sich die Vegetation mächtig verändert, es ist merklich trockener geworden, Landwirtschaft und Bäume gibt es kaum noch, lediglich Steppe, die wahrscheinlich nur jetzt im Frühling nach den täglichen Niederschlägen ein wenig grün ist. Auch Ortschaften sehen wir nicht. Wir klettern mühselig einige mächtige „Hügel“ über fast 25 Kilometer hinauf und fahren wieder etwas herunter, bis wir in den nächsten Ort kommen.
Aufgrund des mageren Frühstücks entschließe ich mich sogar dem CocaCola Konzern ein Getränk abzunehmen, was ich sonst eigentlich nicht tue und mit dem postsowjetischen Schokoladenkonfekt ergibt das zumindest energetisch eine vollwertige Mahlzeit.
Auch die litauische Gruppe ist wieder auf der gleichen Strecke unterwegs und immer wenn die einen eine Pause machen, kämpfen sich die anderen vorbei. Mittagspicknick gibt es auf dem hoffentlich letzten „Hügel“, wir sind noch auf 700 Metern Höhe und Baku liegt ja einige Meter unter dem Meeresspiegel und irgendwann muss ja die ersehnte Abfahrt endlich kommen. Nach einem weiteren Zwischenanstieg ist es dann soweit. Vor uns liegt eine weite, noch trockenere Ebene, das ist schon keine Steppe mehr, sondern schon fast Wüste. Aber es geht steil bergab in diese Einöde hinein. Der Verkehr ist schrecklich. Die Aserbaidschaner fahren wie die Henker und überholen viel zu dicht, obwohl die Gegenfahrbahn frei ist, es sind schon fast Berliner Verhältnisse. Als Dieter die Kette herunterspringt und Heike nicht mehr rechtzeitig bremsen kann und stürzt, ist glücklicherweise kein Auto in der Nähe. Außer einem leicht lädiertem Knie hat sich Heike nichts getan und will auch wieder aufs Rad,  aber der Doktor und ich verordnen ihr den Bus, zumindest bis Baku. Murrend lässt sie sich aber dann doch samt Rad auf den Bus setzen.  Als der Doktor und ich dann wieder aufsteigen und den anderen hinterher jagen wollen, ist das Hinterrad von Richard platt und wir müssen erst einmal flicken und das gelingt uns dann nicht einmal. Trotz langer Prüfung nach der Plattfußursache können wir nichts finden und so zischt beim Wiederaufpumpen die Luft wieder heraus. Entnervt demontieren wir Heikes Hinterrad und bauen es in Richards Rad ein.
Am nächsten Teehaus warten dann die anderen auf uns. Die Litauer sind auch da, einige machen aber keinen guten Eindruck, da sie mit freiem Oberkörper in einem muslimischen Land einrücken und dann auch noch Bier bestellen, wunder mich darüber, dass Siggitas, der Chef der Truppe und erfahrener Weltenbummler seine Leute nicht darauf eingeschworen hat.
Da der Verkehr immer dichter wird, beschließen wir, geschlossen in der Gruppe den Weg in die Stadt zu nehmen. Es ist wirklich chaotisch, aber in der Gruppe sind wir relativ sicher und das Gruppenfahren haben wir ja zur Genüge in der Türkei geübt.
Im Peleton geht es dann aus der Trockensteppe hinein in die Großstadtwüste. Schön ist der Stadtrand nicht, es gibt viele ärmliche kleine Häuser oder halbfertige Wohnsilos, die sich von denen aus den Sowjetzeiten kaum unterscheiden. Unser Bus wählt dann eine etwas ruhigere Strecke durch einen Sattelitenvorort. Der ist zwar wirklich weniger befahren, aber die Straße ist in einem schauderhaften Zustand: Loch an Loch und Baustelle an Baustelle und dazu noch einmal 150 Höhenmeter Kletterei. Doch auch irgendwann ist auch das geschafft und wir haben einen herrlichen Blick über die Stadt und auf das Kaspische Meer.
Durch die breiten Straßen der Innenstadt ist es dann wieder interessanter. Vorbei geht es an alten und neuen Gebäuden und der Uferpromenade bis zu unserem Vier-Sterne Hotel. Hier muss ich dann erst einmal verkünden, dass unser Gepäckfahrzeug mit einem Schaden auf der Strecke geblieben ist und erst eine Stunde später kommt, aber wir lassen uns in der Lobby des 14. Stocks häuslich nieder und trinken teures „Schmutziges Bier“. Nach 9 Uhr sind aber alle geduscht und wir ziehen zu einem türkischen Restaurant um die Ecke und haben nach dem langen Tag ein überreichliches Abendessen, welches die Gruppenkasse ordentlich schröpft, Baku ist ein teures Pflaster.
Leider ist das Internet quälend langsam, so dass ich nicht einmal meine Mails beantworten kann und ich sehe einem schrecklich langweiligen morgigen Arbeits-Ruhetag entgegen.

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„Pässe im Sonnenschein“

98 Kilometer, 1606 Höhenmeter

Bericht: Tom Krech

Frühstück ist nicht die Stärke der aserbaidschanischen Hotels. Aber nach den Essorgien der letzten Tage und Wochen tut es mir ganz gut einmal etwas weniger zu essen. Ausgleich bietet jedoch der Geburtstagskuchen, den wir für Rosemaries Geburtstag geordert haben.
Heute erwartet uns ein etwas schwieriger Tag, zwei Pässe stehen im Programm und niemand weiß nichts genaues, wie man im Russischen sagen würde. Vom Hotelfenster hatte ich einen wunderbaren Blick auf einen der höchsten Berge Aserbaidschans, aber nachdem wir auf die Räder gestiegen sind und die Stadt verlassen haben, radeln wir in eine dichte Nebelwand. Durch diese geht es dann wie durch eine verzauberte Landschaft immer ein wenig bergauf oder bergab. Die andere Gruppe aus Litauen ist auf der gleichen Straße unterwegs und so gibt es einige Möglichkeiten, sich auszutauschen. Unsere Gruppe hat dann ein schönes Picknick bei einem kleinen Teehaus, während sich die andere Gruppe zu einem Friedensgebet mit einer Gruppe japanischer Mädchen trifft.
Nach dem Mittagessen haben sich die Wolken komplett verzogen und es ist schön warm. Die Berge werden etwas heftiger als am Vormittag und es geht kräftig bergauf. Noch bevor wir den ersten Pass erreichen habe ich eine schlimme Vorahnung. Wir müssen ganz tief hinab in das nächste tief eingeschnittene Flusstal und dann wieder ganz nach oben. Hinter der nächsten Biegung erweisen sich diese Vorahnungen als richtig. Es geht auf schlechtester Piste 450 Höhenmeter hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Doch entgegen meiner Erwartungen steigt niemand ins Fahrzeug, sondern alle kämpfen sich die bis zu 13 Prozent Steigung hinauf. Danach geht es vorbei an einem aufziehenden Gewitter hinein in das Städtchen Samaxi und auch die Unterkunft in Bungalows des Olympiazentrums sind schnell gefunden. Kaum bin ich gewaschen und geduscht, klopft es an meine Zimmertür und davor steht eine schwedische Radlerin, die hier keine Übernachtung hat und natürlich biete ich ihr mein zweites oder drittes Bett in meinem riesigen Zimmer an. Erica radelte bereits von Schweden bis hierher und ist auch nach China unterwegs. Allerdings nimmt sie nicht den direkten Weg, sonder nimmt in Baku einen Flieger nach Pakistan, wo sie sich mit ihrem Vater treffen will. Dann radeln sie gemeinsam über Nepal und Tibet nach China und Peking. Beeindruckend sind die 50 Kilo Gepäck, welche die kleine Frau mit sich herumfährt.
Zum Abendessen geht es in ein Restaurant 15 Kilometer vor der Stadt, lecker wie immer, nur gibt es zusätzlich zum Grill und Salatprogramm leckere Borschtsch- Krautsuppe.

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