Monatsarchiv für März 2008

Bericht von Tom Krech

Schön ist es auch den zweiten Tag nicht aufs Rad zu müssen, eigentlich wollte ich auch vor dem Frühstück das morgendliche Yoga aus Gründen persönlicher Faulheit ausfallen lassen, aber mein Yoga Fanclub war nicht einverstanden, ja, ja, „die Geister die ich rief…….“.

Punkt 9 Uhr sitzen wir im Bus und brauchen uns nicht mit dem Fahrrad durch den 5 Millionen Einwohner Moloch Ankara durch dichtesten Verkehr, Gehupe und Abgase zu quälen, sondern überlassen es Kassims Fahrkünsten, sich im Gewirr der Straßen und Gassen zurecht zu finden. Zuerst geht’s auf die Zitadelle. Etwas fröstelnd ersteigen wir das alte Gemäuer, das aus noch älterem Gemäuer recycelt wurde. Römische Säulen zu Torbalken, oder in Scheiben geschnitten als Mauerwerk finden sich überall, wie auch Teile von Inschriften, die nun wahllos im Gemäuer verteilt Es ist Liebe…und manchmal sogar Kopf stehend verbaut wurden. Von oben einen etwas wettergetrübten aber doch beeindruckenden Blick über die Stadt. Besonders beeindruckend ist die Altstadt, ein Meer von roten Ziegeln, mit kleinsten Gässchen, die sich scheinbar ohne jedes System hindurch winden. Ein Horror für jeden Stadtplanzeichner, und ich möchte wetten, dass es für diesen Teil der Stadt keinen vernünftigen Plan gibt. Wie auch immer, viele Häuser sind dem Verfall nahe und von weitem kommen die Bagger und reißen Wunden ins Häusermeer, die dann mit Betonklötzen gefüllt werden. Die Türken haben eine Vorliebe für abartige Pastellfarben, und so steht neben einem zehnstöckigen Albtraum in Rosa einer der gleichen Baureihe in hellgrün oder blau. So viel taktlose Vielfarbigkeit haben ja nicht einmal die Architekten der sozialistischen Zweckbauten in der ehemaligen DDR aufgebracht, an die mich diese Siedlungen ein wenig erinnern.Im Museum

Vor der Zitadelle ein großer Markt für Gewürze, Nüsse und Trockenfrüchte, Hubert und Rene decken sich mit einem Vorrat ein, mit dem fünf Eichhörnchengroßfamilien über den Winter kommen könnten. Die anderen begnügen sich mit einem Blick auf die würzig-nussig-fruchtige Farbenpracht, nicht einmal die Hälfte der hier dargebotenen Ware kann ich mit dem Namen bestimmen. Unter einem herannahenden und dann heftiger werdenden Regenguss flüchten wir ins Museum für anatolische Geschichte. Ein älterer Türke mit einem Deutschvokabular aus den 50er Jahren erklärt uns die Einzigartigkeit der einzelnen Stücke:

“Bitte, meine Damen und Herren, schauen sie hier der erste Rasierapparat der Welt, und bitte schauen sie dort, die Damen, ein Spiegel aus der Steinzeit für die Damen und bitte, die Damen und Herren folgen Sie mir hierher, bitte, ein Brief in Stein gehauen und verpackt, bitteschön……..“ Einiges ist wirklich sehr interessant, wie die hethitischen Skulpturen und die Fresken zum Gilgamesch Epos im Innenraum.Der erste Rasierapparat…

Als wir das Museum verlassen, hat der Regen nachgelassen und wir fahren zur größten Moschee Ankaras Kocatepe Camii, die vielleicht sogar die größte moderne Moschee der Welt

ist. Da der Muezzin gerade zum Mittagsgebet gerufen hat, laufen jede Menge Menschen zum Beten zusammen, doch die Moschee ist nicht einmal zu einem Sechstel gefüllt. Wir haben Glück und dürfen die Moschee während des Gebetes betreten und können In der Moschee Kocatepe Camiiden gesungenen Koranversen aus nächster Nähe zuhören.

Mittag gibt’s in einem typischen Ankara-Restaurant, eine tomatige Suppe und Salat eröffnen den Schmaus, eine Kebabversion imVor der Moschee Tontopf ist der Hauptgang, dazu gibt es gefüllte Weinblätter und zum Nachtisch eine Spezialität des Hauses, Bakklava, ein mit Honig getränkter Blätterteig in 79 Schichten; ich komme beim Nachzählen nur bis 14, die übrigen sind so mit Honig verklebt, dass ein Nachprüfen der patentierten Schichtenzahl nicht möglich ist.

Der nächste Programmpunkt ist das Innenministerium, in das wir eine Abordnung von sieben Radlern schicken. Empfangen werden wir von Herrn Halil Dumanli, aus dem Innenministerium, verantwortlich für Sport und Sicherheit, in einem großen sauberen Büro. Ein Vertreter von der deutschen Botschaft, Herr Özcan Bulgen aus der Wirtschaftsabteilung (auf dem Foto rechts), hat sich auch eingestellt und wir haben nun Gelegenheit uns für die Hilfe und Unterstützung, die wir durch die türkische Polizei bekommen haben, zu bedanken und tun dies auch. Als Geschenk haben wir noch eine große Packung vom 79 Schichten - Bakklava mitgebracht, das nun verteilt wird. Dabei haben wir Gelegenheit ein türkisches Bonmot kennen zu lernen, man soll Süßes essen und Süßes reden (und natürlich süßen Tee trinken) und so tauschenp1020131.JPG wir noch eine gute Reihe netter Höflichkeiten aus, informieren über unsere Tour und laden türkische Radler ein, in vier Jahren mit uns die Tour eventuell von Peking nach London zu radeln. Dann halten wir uns an eine weitere Regel der türkischen Gastfreundschaft, dass kurze Besuche die besten Besuche sind.

p1020042.JPGZurück geht es im Eiltempo durch die halbe Stadt zum Atatürk Mausoleum und Museum, dem Anit Kabir. Auf einem Hügel thront der pompöse Bau im stalinistisch-römischen Stil. In einer gigantischen Halle ist der Leichnam des Kemal Atatürk in einem Sarg aus rotem Marmor aufgebahrt. Vor dem Museum halten in Glaskästen Soldaten Wache, nicht eine Miene verziehend ignorieren sie die Versuche der Passanten, diese Soldaten vielleicht doch zu einer Bewegung zu verleiten. Als der Regen einsetzt, erweist sich der Glaskasten mehr als nützlich für die Wächtersoldaten, um vor den peitschenden Gewitterböen Schutz zu spenden. Wir flüchten ins Museum, das sich in den Seitenflügeln des Monuments befindet. Kemal Atatürk, der Begründer der modernen Türkei wird bis heute, 70 Jahre nach seinem Ableben nochKemal Atatürk Monument in Ankara überall in der Türkei verehrt, hat er es doch mit seinen tief greifenden Reformen geschafft, dass die Türkei der einzige moslemische Staat ist, der am Anfang des 20. Jahrhunderts den Anschluss an den Westen gesucht und gefunden hat. Und so verwundert nicht, dass das Museum geprägt ist von Fotografien, Büsten, Bildern, Orden, Gewehren, Säbeln, Uniformteilen, die Atatürk irgendwann einmal in seinem Leben in den Händen oder am Leibe hatte; doch nicht nur hier ein großer Personenkult, im Moment ist ganz Ankara und das ganze Land beflaggt, wegen des Jahrestages des türkischen Sieges auf den Dardanellen, zu dem die Entscheidungen des damaligen Offiziers Kemal Atatürk nicht unwesentlich beitrugen. Für meinen Geschmack etwas zu viel Personenkult und Kriegsverherrlichung und unwillkürlich muss ich an Vietnam und den Ho Chi Minh Kult denken.

Im Museum des Kemal Atatürk MonumentsWährend über halb Ankara noch der Gewittersturm tobt, scheint auf der anderen Seite die Sonne und dazwischen spannt sich ein leuchtender Regenbogen über die Stadt.

Im Bus geht es durch den chaotischen Verkehr wieder zurück ins Hotel, wo ich bis zum Abendbrot meine gewaschene Wäsche wieder im Koffer verstaue und das Gepäck für den morgigen Autobahnfahrtag vorbereite.

p1020016.JPG Tom…

athen-peking

Montag, 17. März, Ruhetag in Ankara

Bericht von Tom Krech

Damit wir nicht einrosten mache ich heute mit fast der Hälfte der Truppe ein „Ruhetagsyoga“, was heißt etwas länger und etwas anstrengender als sonst. Und an Ruhetagen müssen die Räder geprüft werden, bei zwei Rädern Bremsschuhe wechseln, fast alle Bremsen nachjustieren, Schaltungen einstellen, Schrauben festziehen. Dann ein Ausflug zu einem Fahrradladen, da ich einige Schaltungen nicht ganz hinbekomme. Der Monteur, ein älterer Türke wirft einen halben Blick darauf und biegt den Schutzbügel des Schaltwerkes ein wenig, so dass er nicht mehr schleift. Wenig Aufwand, große Wirkung, keiner unserer „hochstudierten“ Gruppe ist darauf gekommen. Gegen das Knarzen kann er auch nichts tun, ist halt Aluminium.
Dann heißt es für mich Bürotag, Berichte ins Netz stellen, Schreiben, Mails beantworten und schon sind wieder drei Stunden weg. Dann gönne ich mir als Highlight des Tages einen schönen Nachmittagsschlaf, ein Luxus, der sich hoffentlich auszahlt.p1010906.JPG
Danach will ich eigentlich weiter arbeiten, breche jedoch ab und schwinge mich zu einer kleinen Rundfahrt hier im Viertel aufs Rad. Hoffentlich hat mich Cezmi nicht bemerkt, der furchtbare Angst hat uns im Verkehrschaos ohne Polizei loszulassen. Aber der Verkehr fließt erstaunlich gelassen und ich komme gut durch. Ein paar Fotos mache ich am Attatürk-Monument und suche mir dann einen Basar über den ich schlendere. Mit Englisch kommt man selbst hier in der Hauptstadt kaum durch, selbst das Hotelpersonal spricht die Sprache mehr als lausig. Dagegen werde ich ein paar Mal auf Deutsch angesprochen von Leuten, die lange in Deutschland gelebt haben.
Kurz vor Sonnenuntergang bin ich wieder im Hotel zurück. Die meisten unserer Teilnehmer waren im Hamam und haben sich kräftig schrubbenp1010960.JPG und massieren lassen, ich bin bis zum Abendbrot fast fertig mit meiner Arbeit und lese noch ein wenig in den Blogs anderer Radtouren, die auch auf dem Weg nach China sind. Gestern sind die 120 Franzosen in Paris gestartet, die wir in China auch noch treffen werden. Von der litauisch organisierten Gruppe finde ich nur den Blog eines Teilnehmers. Sie fahren wohl eher locker und treffen sich abends zum Zelten, wahrscheinlich werden wir auch diese Gruppe auf der Seidenstraße irgendwo nach Hami treffen.
Das Abendessenbuffet ist wieder im Hotel und alle sind aufgeräumt ob des ruhigen und gelassenen Tages.

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142 Kilometer, 922 Höhenmeter: „Mit Siebenmeilenstiefeln in die Hauptstadt“

Bericht von Tom Krechp1010938.JPG

Heute erwartet uns wohl unser bislang längster Tag, da wir eine Zwischenübernachtung gestrichen haben, die noch etwas unklar war und wir dafür lieber nach Ankara durchrauschen und uns somit einen zweiten und absoluten Ruhetag erarbeiten wollen.
Das Wetter spielt wunderbar mit, die Sonne steht golden am wolkenlosen Himmel, es ist fast windstill und wenn doch einmal eine leichte Brise über das trockene Land streicht, dann tut sie es in die richtige Richtung. Glücklicherweise hatte ich mein Fahrrad noch vor dem Frühstück begutachtet und meinen platten Hinterreifen festgestellt, so dass ich diesen bis 8 Uhr schon geflickt habe. Am Vortag, wie auch heute, fand ich zwar das Lochp1010928.JPG im Schlauch, aber die Ursache im Mantel war nicht zu eruieren. Hoffentlich bleibt es dann bei dem morgendlichen Platten. Langsam bekommen wir auch die Mäntel in den Griff, die nach dem neuen Aufziehen immer eine kleine Beule erzeugen, mit Teflon eingesprüht und dann erst auf die Felge gelegt pumpen wir fast bis auf das Doppelte des zugelassenen Drucks, dann gibt es einen leichten „Plöng“ und der Mantel sitzt perfekt auf der Felge.
Am Anfang geht es schööön bergab und vor uns liegt wieder die unendliche Weite des anatolischen Hochlandes, sanfte geschwungene Hügel, über die sich die Straße fast geradlinig ihren Weg bahnt. Es ist ein wahrer Fahrspaß so zu fahren und dazu noch auf einer sechsspurigen Autobahn, auf der der Verkehr heute wenig anstrengend ist. Ein wenig weg liegt ein Ort, den wir nur streifen, Hoca Nasreddin, der Geburtsort des gleichnamigen türkischen „Till Eulenspiegel“. In Gedanken kommen die Geschichten auf, die ich in Berlin an der Hartnackschule immer meinen Schülern als Diktat gebe, „Nasreddin und seine sieben Frauen“ und die Geschichte vom Kessel, der ein Junges bekommt. Am besten gefällt mir die Spinatgeschichte, in der Nasreddin als Berater des Königs dem König nach dem Munde redet und den Herrscher bestätigt, dass Spinat doch dasp1010919.JPG beste Gemüse der Welt sei. Nach zweiwöchigem Spinatgenuss beginnt der König jedoch den Spinat zu hassen und ruft aus: „Nehme diesen schrecklichen Spinat weg.“ Nasreddin bestätigt dann dem Herrscher auch wieder, das der Spinat ein scheussliches Gemüse sei, woraufhin ihn der König befragte, wie er denn so seine Meinung ändern könne. Nasreddin antwortet dann ehrerbietig: „Mein großer Herrscher, ich bin der Diener des Königs und nicht der Diener des Gemüses.“
Auf einem Denkmal sitzt Nasreddin Hoca auf einem Standbild verkehrt herum auf einem Esel, leider kennt Cezmi die passende Geschichte nicht und ich nehme mir vor sie in Ankara im Internet zu recherchieren und werde sie dann noch hier erzählen.
Obwohl der Weg weit ist, die Landschaft wenig abwechslungsreich geht es wunderbar vorwärts, vielleicht ist es auch die Aussicht auf den Ruhetag. Gegen 13 Uhr zur Mittagspause haben wir schon mehr als 80 Kilometer weg und so gönnen wir uns etwas später noch eine lange Teepause. Dann erklimmen wir noch einmal einen Berg und kaum erreichen wir die Anhöhe, liegt dahinter ein unendliches Häusermeer, bis zum Horizont nur Ankara. Jetzt beginnt die eigentliche Schwierigkp1010906.JPGeit des Tages. In enger geschlossener Formation müssen wir durch die Stadt und durch den Verkehr, der mit jedem Kilometer exponential zunimmt. Doch alle sind mehr als diszipliniert, zu zweit neben einander, nicht zu schnell und nicht zu langsam, gleiten wir durch die breiten Straßen der Stadt. Das Polizeiauto hält uns die zu frechen Fahrer und Drängler vom Leibe und sorgt für eine nicht endende Grünphase. Diese letzten Kilometer sind wirklich für alle sehr anstrengend und kosten Nerven, aber nach 140 Kilometern stehen wir in schönster Abendsonne vor dem Hotel „Gap“ und eine wohlig warme Dusche erwartet uns und unter der merke auch ich, dass meine Beinchen nicht einfach so 140 Kilometer „aus dem Ärmel schütteln“.
Vor dem Abendessen, das wir im Hotel nehmen, diskutieren wir noch einmal die Ereignisse in Tibet und beschließen, nicht dazu Stellung zu nehmen. Einmal haben wir keine objektiven Informationen und zum anderen wollen wir zeigen, dass wir mit unserer Radtour zurp1010917.JPG olympischen Idee stehen und diese nicht politisieren wollen.
Auch ein freudiges Ereignis gilt es zu feiern, Ulli ist zurück und sprüht nur so vor Energie und guter Laune. Auf denn zu neuen großen Taten, aber erst nach den verdienten Ruhetagen!

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104 Kilometer, 764 Höhenmeter: „Plattfüße auf der Autobahn“

Bericht von Tom Krech

Schon gegen 5 Uhr ruft der Muezzin zum Morgengebet, ich bin wach und kann nicht mehr einschlafen, also schreibe ich noch ein paar Zeilen Tagebuch. Draußen geht die Sonne an einem wolkenlosen Firmament auf, aber es ist bitterkalt draußen. Auf den Fahrradsätteln liegt eine dünne Schneeschicht und das Wasser in meiner Wasserflasche ist halb gefroren. Gegen 8 Uhr zeigt das Thermometer 4 Grad und mein Hinterrad ist platt, so dass wir erst noch flicken müssen.
Heute ist wieder ein reiner Streckenfresser-Autobahntag, wir haben Glück, kein Wind und es geht zügig vorwärts. Die Landschaft ist eben, kahl und karg, eher eine Steppe. Aber wir sind auch fast 1000 m hoch und da ist der Frühling noch lange nicht so weit, wie unten am Mittelmeer oder in Griechenland. So werden wir in diesem Jahr den Frühling in ein paar Tagen zum zweiten Mal erleben.
Ab und zu steht ein einzelner verkrümmter Baum in der Ebene und bildet einen starken Kontrast zu der unendlichen Weite um uns herum. Die Straße ist eine gerade Linie bis zum Horizont, die Hügel über die sie führt sind sanft geschwungen. Nur auf der linken Seite versperrt eine Hügelformation die Sicht. Am Horizont stehen zwischen den Felsen ein paar zackige Felsspitzen und es dauert fast zwei Stunden, in denen sie immer näher rücken, mehr als 40 Kilometer Sicht voraus.
Mittagessen gibt es in einem winzigen Lokal in einem kleinen Ort, groß ist die Auswahl nicht, aber die Köfte, die Hackfleischbällchen sind lecker und es gibt frisches Brot dazu und der Tee geht aufs Lokal, dessen Wirt sehr gut Deutsch spricht, immer wieder sind wir erstaunt, wie verbreitet unsere Sprache hier ist, dagegen spricht kaum jemand mehr als drei Worte Englisch.
Wie immer frischt am Nachmittag der Wind auf, erst kommt er von halb rechts hinten, dann treibt er uns gänzlich vorwärts, nur noch 30 Kilometer und wir sind am Ziel, das sich am Horizont schon erahnen lässt. Doch dann fährt sich der Doktor einen riesigen Nagel ins Hinterrad, danach ist mein Rad wieder dran und zehn Minuten später zieht Dieter einen riesigen Nagel aus dem Rad heraus. Wir beschließen, den Rest der Strecke nicht mehr auf dem Seitenstreifen zu fahren, sondern, durch die Polizei geschützt, die mittlere Spur zu verwenden.
Durch die Reparaturen ist unser Feld stark auseinander gezogen, so erreichen wir den Ort
Sivrihisar, der zwischen Hügeln eingebettet ist und sich idyllisch an den Hang schmiegt. Leider fahren wir vorbei, unser Hotel, ein Truckermotel liegt 5 km hinter der Stadt und ich bin etwas sauer, weil wir es wieder einmal schaffen, keinerlei Kontakt zu den Leuten zu bekommen und auch von dieser Stadt nichts sehen werden. Dazu kommt, dass die Hälfte unserer Gruppe nicht da ist, vermutlich in die Stadt abgebogen ist. Doch nach und nach trudeln alle ein und haben schlechte Laune wegen des Motels in der Mitte der Steppe und darüber, dass die Zieleinfahrt etwas konfus war und niemand an der wichtigsten Stelle stand und das bei einem Begleitkonvoi von vier Fahrzeugen.
Wenigstens wollen wir nicht in der Autobahnraststätte essen, sondern in die Stadt hineinfahren, was wir dann auch tun, aber es ist natürlich schon dunkel. Das einzige kleine Lokal sieht anfangs gar nicht so einladend aus, es gibt nur einen Koch und eine Bedienung, doch die beiden werden mehr als gut mit den plötzlich eingefallenen Radfahrern fertig. Der Pizzameister ist äußerst effizient und produziert Käse- und Hackfleischpizzen fast im Sekundentakt, die Bedienung bereitet genauso fix nebenbei Köfte und Salate zu und trotz des eigentlichen Alkoholverbotes im Laden steht für jeden eine Flasche Bier auf dem Tisch und es ist eine wahre Freude den Beiden beim Herumwirbeln zuzusehen.

p1010851.JPG  p1010854.JPG  p1010886.JPG  p1010895.JPG  pict0834.JPG  p1010871.JPG  p1010872.JPG  p1010862.JPG

109 Kilometer, 1042 Höhenmeter: „Schneesturm in Anatolien“

Bericht von Tom Krech

Die ganze Nacht hat der Wind heftig am Fenster gerüttelt und es hat satt geregnet und in den Bergen etwas in der Ferne wohl geschneit. Im Zimmer bollerte die Heizung, aber wir haben doch etwas Furcht vor dem kommenden Tag, denn draußen toben am Himmel dunkle Wolken in Rekordtempo vorbei. Ein sehr frischer Wind empfängt uns nach dem Frühstück vor der Tür und wir mummeln uns in unsere wasserdichte und regenfeste Kleidung ein. Doch Allah ist mit uns und der Wind bläst uns kräftig in den Rücken, am Anfang nieselt es ein paar Tropfen und wir kommen in Supertempo vorwärts, egal, ob es bergan oder gerade geht.
Durch ein bewaldetes Tal geht es aufwärts, ohne Probleme und ab und zu kommt durch ein Wolkenloch die Sonne hindurch. Ab und zu zeigt sich ein Berggipfel in der Ferne, natürlich schön weiß. Hier im Tal scheint es in der Nacht ein wenig geschneit zu haben, an windgeschützten Stellen liegt ein wenig Schnee. In einer kleinen Teestube an der Straße verbreitet der Ofen einer urgemütlichen Stube mit Hirschgeweihen angenehme Wärme und wir trinken ein paar Gläser heißen Tee. Dann geht es weiter und etwas später ist der Anstieg zu Ende und wir erreichen die anatolische Hochebene mit weiten Feldern und sanften unbewaldeten Hügeln rechts und links. Wir sind gute 850 Meter hoch und die Grenze zum Neuschnee liegt nur 50 oder 100 Meter höher. Der Rückenwind bleibt uns treu und wir kommen schnell vorwärts.
Zu den zwei Polizeifahrzeugen gesellt sich nun auch noch eine Ambulanz. Kasim, unser Fahrer, erzählt mir später, dass der Offizier der Polizei etwas beängstigt unsere Älteren beäugt hat und deshalb vorsichtshalber eine Ambulanz geordert hat. In der Türkei fährt man faktisch kein Rad und schon gar nicht zum Spaß und überhaupt nicht längere Strecken und schon ganz überhaupt nicht von Athen nach Peking und alte Leute sowieso nicht. Da ich hinterher fahre nutze ich die Gelegenheit mit einer der Schwestern in der Ambulanz zu flirten und wir wechseln viele viel sagende Blicke und ich bekomme ein nettes Lächeln zurück.
Irgendwann ist eine der dunklen Wolken ein wenig schneller als wir und es fangen weiße Flocken an zu wirbeln. Warm eingepackt genieße ich es mit den Schneeflocken, die uns nun vorwärts treiben, um die Wette zu fahren. Den letzten Teil der Strecke fahren wir dann im engen Konvoi, da der Verkehr stark zugenommen hat
So geht es dann weiter bis zum Zielort, Eskishir, von dem wir nicht viel sehen. Erstens liegt unser Hotel im Unicampus und zum zweiten ist das Wetter auch nicht so, dass es noch zu einer spontanen Stadtrundfahrt einlädt. Als wir die letzten Meter zum Hotel hinauffahren setzt wieder stärkerer Schneeregen ein und so widmen wir uns bis zum Abendessen angenehmeren Dingen als dem Wetter draußen. Ich bearbeite meine Bilder und versende ein paar Mails und so vergeht die Zeit bis zum Abendbrot sehr schnell. Mit unserem Bus fahren wir dann noch einmal in die Stadt, in ein sehr angenehmes Restaurant, eigentlich ohne Alkoholausschank, aber da wir besondere Gäste sind werden ein paar Biere herangeschafft. Das Essen ist reichlich und gut, es gibt diverse leckere Suppen, Grillteller und türkische Pizza, alles frisch vom Grill oder aus dem Ofen und mit vollem Magen ist der gute Vorsatz, noch ein bisschen Büroarbeit zu erledigen rasch dahin und ich falle wohlgesättigt in mein zu weiches Bettchen.

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73 Kilometer, 686 Höhenmeter

Bericht von Tom Krech

Heute ist fast ein Ruhetag, denn wir haben am Vormittag unsere kleine Stadtbesichtigung von Bursa und am Nachmittag nur 50 Kilometer geplant; also stehen wir etwas später als geplant auf und heute kommen sogar mehr Leute zum Yoga als sonst, sogar der Doktor, den ich schon seit langem argumentiere. Deshalb gibt es heute auch ein etwas ausgedehntes Programm, was mir nach meiner abendlichen Buffetfressorgie richtig gut tut.
Mit dem Bus geht es ins Zentrum der Stadt, die an die 2 Millionen Einwohner hat. Am Anfang schockiert hauptsächlich der Verkehr, durch den wir uns am Nachmittag noch schlagen müssen. Dass Bursa im 14. Jahrhundert die erste Hauptstadt des Osmanischen Reiches war, davon ist heute nichts mehr zu sehen, lediglich die Grabstellen der Reichsgründer hat man im letzten Jahrhundert wieder errichtet. Der Bau ist nicht sonderlich beeindruckend, aber die Sicht von der Terrasse über die Stadt ist nicht schlecht, da Bursa in einem relativ engen Tal liegt, sind die Hänge sehr hoch und sehr dicht bebaut.
Im Zentrum ist es sehr belebt, obwohl die Läden im Basar gerade öffnen und der Basar ist wirklich riesig und es gibt wohl auch alles zu kaufen. Ganze Basarzeilen erstrahlen nur so im Glanz von Gold und Juwelen, in der nächsten Straße gibt es dann Kinderbekleidung und noch eine Zeile weiter stehen die Fischverkäufer. Bevor wir uns etwas Zeit zum Bummel auf dem Markt nehmen, besichtigen wir noch die größte Moschee in Bursa, die Ulu Cami, im seldschukischen Stil, sagt mein Reiseführer. Zum ersten Mal bedauern wir hier, nicht Yorgos ausschweifende Kommentare zu dem imposanten Bau, der mit Teppichen ausgelegten riesigen Gebetshalle und den Kalligraphien an den Wänden zu haben. Letztere beeindrucken mich am meisten. Da den Moslems die Abbildung von Personen nicht erlaubt ist, legen die Künstler ihre ganze Kunstfertigkeit in das Verschnörkeln der arabischen Buchstaben zu kunstvollen Gebilden, Boote oder Blumen lassen sich in dem Schriftbild erkennen.
Leider haben wir nicht genügend Zeit in der Stadt und kaum hat der Bummel über den Basar begonnen müssen wir zurück zum Bus und zum Hotel. 13 Uhr sitzen wir dann auf den Rädern und sausen in die Stadt, heute haben wir besonders starken Polizeischutz und das ist bei diesem wahnsinnigen Verkehr auch nur gut so. Kurz hinter der Stadt stoppen wir an einem weiteren historischen Punkt, einem Dönerladen, den es seit 1867 gibt. Iskender Usta hat hier den traditionellen türkischen Kebap erfunden, der von hier aus die Türkei und den Rest der Welt erobert hat. Der Laden ist zugehängt mit Fotos und Urkunden, das Essen ist gut, aber fettig und nach einer knappen Stunde geht es weiter. In den Bergen um Bursa haben sich dunkelste Wolken zugezogen und als wir dann am Berge stehen beginnt es zu regnen. Einige legen „Vollschutz“ an, andere vertrauen auf unser bisheriges Glück in Wetterdingen und werden bei dem langen Anstieg patschnass. Ich habe es ganz gut getroffen und nur meine Regenjacke übergeworfen, denn der Anstieg sah lang und hart aus, oben angekommen konnte ich dann unverschwitzt noch eine Jacke drunterziehen, um bei der Abfahrt nicht zu frieren.
Den meisten wird es dann auf den letzten 20 Kilometern richtig unendlich kalt und nass, entweder von innen oder von außen. Nur ein paar Leute haben, am Hotel angekommen, noch richtig gute Laune. Ich mag diese Regenfahrten ganz gerne, da man sich auf nichts weiter konzentrieren muss als auf die nächsten 20 Meter Straße und man bei dem monoton klopfenden Geräusch der Regentropfen auf der wasserdichten Jacke schön vor sich her sinnieren kann.
Wir haben wieder so einen „Hotel California“-Komplex vor der Stadt, in der mich sonst keine zehn Pferde bringen würden. Wozu brauche ich, zumal noch alleine, für eine Nacht einen Whirlpool. Unsere unterkühlten Fahrer erholen sich gut in der Sauna und beim türkischen Bad und zum Abendessen sind dann alle wieder gut erholt.
Der Himmel draußen und die Sturmböen, als auch der Wetterbericht verheißen nichts Gutes für den nächsten Tag….
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97 Kilometer, 580 Höhenmeter

Bericht von Tom Krech

Der Tag beginnt besser als der Wetterbericht gedroht hatte, wir kommen mit einer halben Stunde leichten Nieselregens davon. Heute geht es nur darum von A nach B zu kommen, denn einmal ist die Landschaft eher nichts sagend und flach, zum anderen haben wir einen ganzen Tag auf der Autobahn zurückzulegen.
Einzige Höhepunkte sind unsere kurze Rast in einem Teehaus und unser Mittagspicknick auf einer Wiese an einem Flüsschen.Am Straßenrand gibt es überall Stände mit eingelegtem Gemüse, Chilis oder roter Beete, leider schmeckt es nicht ganz so gut wie es aussieht, bis auf die home made Oliven.
Danach haben wir etwas Pech, denn nun beginnt der Gegenwind und die zweite Hälfte der Strecke ist sehr unangenehm zu fahren. Doch irgendwann, nachdem auch der ohnehin schon straffe Verkehr noch zunimmt, ist unser Ziel nicht mehr weit. Wir übernachten im Holiday Inn, ca. 15 km vor der Stadt. Zwar sind die 5 Sterne-Zimmer luxuriös, aber die Preise auch und die Chancen sich ein abendliches Bier außerhalb zu besorgen gleich Null. Da ich sowieso eine Abneigung gegen diese Bettenburgen habe, sinkt meine Stimmung noch mehr, da ich nach zeitraubender Fummelei immer noch keine Verbindung ins Internet bekomme. Lediglich das Abendessen mit einem großartigen Buffet stellt mich für den heutigen Tag zufrieden.
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Bericht von Tom Krech

134 Kilometer, 1158 Höhenmeter

Durch die Ebene von Thrazien fahren wir heute, sagte die Streckenbeschreibung, doch es geht nur die Berge hoch und runter. In Kombination mit der Streckenlänge hätte dies am Anfang in der Gruppe einen Aufstand verursacht, aber gerade nach unserem gestrigen Meeting, ist die Stimmung super und alle fahren gut. Die kleinen Gruppen, die wir gebildet haben fahren geschlossen und die Abstände sind so, dass überholende Fahrzeuge in die Mitte passen. Bis zum Mittag bei Biga ist es sehr anstrengend, da auch noch der Wind leicht von vorne weht und beim Picknick in einer Teestube ist uns allen die Anstrengung ins Gesicht geschrieben.
Beim Mittagessen wechselt auch wieder die Polizeieskorte, wir werden von Distrikt zu Distrikt durchgereicht. In den Städten ist die Verkehrspolizei zuständig und auf den Landstraßen die Gendarmerie. Wie ist es zu dieser Polzeieskorte gekommen? Cezmi, unser türkischer Reiseleiter von Lupereisen, unserem Türkeiexperten für die Tour, hatte beim Ministerium unsere Idee und Route eingereicht, um nicht während der Tour auf Schwierigkeiten zu stoßen. Irgendwann kam dann die Antwort, dass die Route genehmigt sei und von Anfang bis Ende eine Polizeieskorte gestellt werde. Am Anfang waren wir etwas irritiert und gestört, aber inzwischen haben wir uns an die netten und natürlich neugierigen Polizisten gewöhnt. Angesichts der Verkehrssituation ist der Aufwand mitunter nicht unangemessen, heute mussten wir Teilstrecken auf sehr stark befahrenen Straßen fahren und die Präsenz der Polizei dämpft den harten Verkehr sehr gut. Vorgestern war ich etwas zurückgefallen, weil ich die Jacke gewechselt habe und bin dann ein paar Kilometer ohne Polizeischutz gewesen und musste feststellen, dass die türkischen Lkws und Busse haarscharf mit hoher Geschwindigkeit an mir vorbei rauschen.
Während  der Pause haben wir noch ein nettes Erlebnis, ein türkischer Schäfer „verliebt“ sich spontan in Helga, und schafft dann aus seiner Herde ein kleines Schäfchen zum Streicheln heran. Wir tauschen Helga jedoch nicht ein, sondern nehmen sie wieder mit uns.
Am Nachmittag haben wir dann Glück, der Wind hat etwas gedreht und so geht es dann mit Rückenwind zügig weiter. Selbst den letzten größeren Berg, der sich uns in den Weg stellt schaffen wir mühelos und werden zudem noch mit einer grandiosen Aussicht aufs Marmarameer belohnt und wir alle wissen, warum wir unterwegs sind. Die Straße ist gut und hat vier Spuren und einen breiten Seitenstreifen, der Verkehr ist nicht zu stressig und so geben wir als Treffpunkt die letzte Kreuzung vor der Stadt an. Damit ist dann wieder das interne kleine Radrennen erlaubt und alle sind zufrieden. Nach einer wilden Hatz geht es dann wieder in die Stadt, wo wieder einmal ein lokales Kamerateam wartet, welches sich recht dilettantisch anstellt. Der Kameramann ist so in Hektik, dass es ihm nicht einmal richtig gelingt, dass Stativ aufzustellen. Das Abendessen im Hotel ist in Ordnung, ich habe mich besonders über die gefüllten Auberginen gefreut und streite mich mit Cezmi, ob dieses Gericht nun Iman Bahjaldi ist oder nicht, er behauptet ja, ich sage nein, denn laut meinem Kochbuch ist es ein vegetarisches Gericht. Ich verabschiede mich gleich nach dem Essen ins Bett, da ich in der Nacht zuvor zu lange am Computer gesessen habe.

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Bericht von Helga Struwe

Ich habe viel gelernt:
Eine türkische Ebene ist nicht eben, sie hat auf 60 km mindestens 600 Höhenmeter.

Und ich habe einen Freund gewonnen:
Er kam auf mich zu, als ich  mein Fahrrad vor der letzten Straßenkneipe von Birga abstellte, wo wir Picknick machen wollten, und schüttelte mir strahlend die Hand. „Alright?“ fragte er.
Genauso strahlend antwortete ich: „Alright!“ Wahrscheinlich besiegelte das unseren besonderen Freundschaftspakt. Denn etwas später kam er wieder auf mich zu mit einem großen Geschenkkarton. Cezmi musste übersetzen. Der freundliche Mann freute sich, dass wir da waren und wollte uns mit etwas Leckerem aus der Türkei willkommen heißen. Wir genossen das „Turkish Delight“ als Nachtisch.

Bevor wir abfuhren, brachte er auf dem Arm ein kleines Lämmchen. Ich durfte es auch halten und wir wurden alle Drei zusammen fotografiert. „Liebe auf den ersten Blick“, meinte Cezmi.
Von meiner Seite aus „Liebe auf den ersten Blick“  mit der Herzlichkeit und Großzügigkeit, die uns entgegengebracht wird – und natürlich dem kleinen Lämmchen.

Der Tag ging fröhlich weiter. Cezmi stieg nach dem Mittagessen auf ein Fahrrad. Er will jeden Tag ca. 30 km mit uns radeln. Die nächsten Hügel warteten auf ihn und er schlug sich tapfer. Ausgerechnet vor der letzten Kurve tauschte er sein Gefährt mit Kasim:
Kasim stieg aufs Fahrrad, Cezmi fuhr den Bus. Hätte er geahnt, dass hinter der nächsten Kurve unsere gesamte Mannschaft auf ihn wartete, um ihn zu bejubeln, er hätte es sicher nicht getan……..

Fahrradfahren steckt an oder schlägt zumindest Völker verbindende Brücken. Kasim musste das Fahrrad an einen unserer Begleitpolizisten übergeben, der sich voller Elan unter unserem begeisterten Beifall in den Sattel schwang, und ein Rennen mit uns fuhr – bergab.

Wir hatten alle viel Spaß und einen schönen Tag.

Und morgen geht es sicher wieder in die türkische Ebene……….

von Canakkale nach Troja und zurück und weiter nach Lapseki, 96 Kilometer, 913 Höhenmeter

 Bricht von Tom Krech

Die morgendliche Sicht vom Hotelfenster über die Bucht ist grandios. Nebelschwaden aus dem Meer verzaubern den Hafen und aus dem Dunst der Stadt schauen nur die Spitzen der Minarette hinaus.
Ich habe richtig gut geschlafen und genieße mein üppiges Frühstück. Am Vorabend im Hamam musste ich feststellen, dass ich auf der Tour noch kein Gramm abgenommen habe, eher im Gegenteil, dass Essen war bisher einfach zu gut.
Auch heute Morgen ist wieder ein regionaler Sender und eine Zeitung beim Start anwesend und dokumentiert unseren Start in den Sonnenschein.
Heute schlagen wir zuerst einen Haken nach Süden in Richtung Troja und der mittlere Gegenwind auf den ersten 30 Kilometern stört uns überhaupt nicht, da wir die Strecke ja auch wieder zurück müssen.
Nach einem mittleren Anstieg kommt eine lange Abfahrt und wir kommen wieder in eine Ebene und rollen auf schmalen Straßen auf das sagenhafte Troja, dass nicht nur eine Stadt ist, sondern neun Städte übereinander. Und selbst diese neun Städte ließen sich aus sicht der Archäologen noch einmal in 64 Bauphasen unterteilen. Was wir sehen ist nicht so gut erhalten, wie einige Ausgrabungen in Griechenland, aber in seiner weite doch recht beeindruckend; auch scheinen wir die einzigen Touristen hier zu sein, die durch das Gelände pilgern. Vor unseren Augen liegt eine flache Ebene und etwa drei Kilometer weiter ist das Meer, die Dardanellen Straße. Der Wind und die Meerenge haben Troja reich gemacht, Schiffe mussten hier wochenlang vor Anker gehen und auf günstige Winde warten, da sie mit ihren starren Segeln nur in einen Richtung, nämlich vor dem Wind, segeln konnten. Natürlich nutzte Troja seine strategische Lage aus und zog daraus wirtschaftlichen Nutzen und so gab es wohl nicht nur einen trojanischen Krieg, sondern viele. Und nur einer ist durch die homerische Beschreibung bekannt geworden.
Vor unseren Augen erahnen wir das Lager der gewaltigen griechischen Armee, die die Stadt mehr als zehn Jahre belagerte und alle großen Helden seiner Zeit tummelten sich auf beiden verfeindeten Seiten im Streit um die Schönste der damaligen Zeit: Helena.
Doch genug Geschichte, auch in der Gegenwart gibt es noch genügend Streitmaterial für einen weiteren trojanischen Krieg. Die von Schliemann gefundenen Schätze, die nach Deutschland ins Museum kamen, im zweiten WK verschwanden und nun in Sankt Petersburg zu besichtigen sind sorgen dafür. Die Türken wollen den Schatz, weil er in der Türkei gefunden wurde, die Griechen, weil er zur griechischen Kultur gehört, die Deutschen, weil er hier erstmals registriert und katalogisiert wurde, Schliemanns Erben in Australien, weil  der Urgroßvater ihn ausgebuddelt hat und die Russen, weil er als Kriegskompensation rechtmäßig erworben wurde. Hoffen wir das der Streit auch weiterhin auf diplomatischer Ebene geführt wird.
In der Mittagspause halten wir noch einmal ein Gruppenplenum ab, da der Umgangston in der Gruppe ruppiger geworden ist und sich bei manchem Teilnehmer Eigenarten zeigen, die anderen nicht gefallen. So langsam sind wir mit unserer Tour im richtigen Leben angekommen, ich versuche dann aber alle noch einmal daran zu erinnern, dass wir hier etwas ganz Besonderes vorhaben und bisher ziemlich erfolgreich umsetzen und uns nicht in einem Kleinkrieg um Kleinigkeiten aufreiben sollten und die Anforderungen in einer großen Gruppe eben immer Zurückhaltung von allen Seiten fordert.
Danach wartet das nächste Highlight auf uns, Cesmi, unser türkischer Führer, stammt aus dem kleinen Dorf bei Troja und wir sind bei seiner Familie zu Gast. Dass seine Schwester die besten Spinatböreks in der Türkei herstellt ist keine Angeberei gewesen, wir alle können dies bezeugen!
Mit Rückenwind und Polizeischutz geht es zurück nach Canakkale, auf einem kleine Feldweg fahren wir durch blühende Obstgärten bis an den Stadtrand, wo wir auf die Jugendgruppe des hiesigen Radvereins warten. Die erscheint dann auch mit sieben Fahrern zwischen 12 und 18 Jahren und wir geben die Strecke bis zum Ziel frei ohne Gruppenzwang.
Die Hälfte der Gruppe beschließt ein kleines Rennen zu wagen und irgendwann jagt eine Spitzengruppe mit drei Fahrern von uns und vier Fahrern der türkischen Junioren von dannen, mit 35 km/h die Berge hoch mit 70 km/h die Berge wieder herunter. Am Ende schnaufen wir alle und die Junioren mit ihren schnellen Flitzern hätten uns wohl platt fahren können, aber wir haben es ihnen auch nicht einfach gemacht. Das Abendessen ist ein fröhliche üppige Runde mit den Kids, vielen superguten Salaten und einer gebackenen Dorade und einer ganzen Menge Biere (nicht für die Radkids).

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